Aktion in Neukölln : Auf ein Match zum Kieztreff

Die Anwohner lieben ihren Böhmischen Platz. Er ist neu gestaltet, dort kommen sie gern zusammen Dass sie ihn pflegen, ist selbstverständlich. Damit der „Freundschaftsplatz“ irgendwann seinen Namen zu Recht trägt, veranstaltet die Kunstfiliale am 15. September, am Aktionstag des Tagesspiegels, ein Kiezfest dort, den „Rixdorfer Murmelball“.

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Am 15. September, veranstaltet die Kunstfiliale Richardplatz den Rixdorfer Murmelball. Am Freundschaftsplatz, Böhmische Str. 1, wird ab 13 Uhr aufgeräumt, dann können alle Helfer sich bei Spielen und Musik vergnügen (www.richard-quartier.de). Sie wollen sich an der Aktion beteiligen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

Spielend zu guter Nachbarschaft. Tanja Dickert, Leiterin der „Kunstfiliale Richardplatz Süd“, ist begeistert. Anwohner treffen sich gern zum Match auf dem Böhmischen Platz.
Spielend zu guter Nachbarschaft. Tanja Dickert, Leiterin der „Kunstfiliale Richardplatz Süd“, ist begeistert. Anwohner treffen...Foto: Georg Moritz

Der Mann mit dem kunstvoll gezwirbelten Schnurrbart bezeichnet sich selbst als „Tischtennismeister vom Platz“. Nach seinem Alter gefragt, stellt er eine Rechenaufgabe: 1974 nach Berlin gekommen, da war er 18 Jahre alt. Gürbüz Yeter ist heute also 56. Sein zweites Wohnzimmer, der Böhmische Platz in Neukölln, wurde vor sechs Jahren umgestaltet, die Anwohner in die Planungen einbezogen. Yeter kommt nachmittags hierher, spielt Tischtennis, scherzt mit den Nachbarn.

Dass der Platz neu gestaltet wurde, war eine Initiative der Kunstfiliale Richardplatz Süd. Ihre Leiterin Tanja Dickert vernetzt im Auftrag des Quartiersmanagements Kulturschaffende im Kiez und kümmert sich um neu Zugezogene. Das Leben im Kiez drehte sich hauptsächlich um den Richardplatz, so dass die drei anderen Plätze der Umgebung verwaisten: der Böhmische Platz, der Platz an der Ecke Kanner Straße/Böhmische Straße und der Esperantoplatz. Nun sind auch sie runderneuert. Mit 232 000 Euro wurde die Umgestaltung über das Programm „Soziale Stadt“ der Europäischen Union und des Landes Berlin finanziert.

Am Böhmischen Platz ist die Rechnung aufgegangen, er ist heute ein beliebter Treffpunkt. Der Platz ist jetzt größer, es gibt Sitzgelegenheiten, das Café Barini hat Tische und Stühle aufgestellt. Das Wichtigste aber sind die Tischtennisplatten. Kurz nachdem die erste Platte da war, kamen die Nachbarn zu Tanja Dickert und forderten eine zweite. Nun werden täglich regelrechte Turniere ausgetragen. Auch der Blumenhändler am Eck kommt auf ein Match vorbei. Die Nachbarschaft hält den Platz schön.

An den anderen beiden Stadtplätzen sieht das anders aus. Sechs Jahre nach der Umgestaltung sind sie oft dreckig, die Grünflächen zugewuchert. Sie sind nicht zu Kiez-Treffpunkten geworden. Gürbüz Yeter holt aus. Er hat sich gleich einen Tischtennisschläger geschnappt und spielt ein Match mit dem Nachbarn. Am alten, ungepflegten Böhmischen Platz hätte es so viel Spaß nicht gegeben. Dort lungerten die Jugendlichen herum, spuckten auf den Boden, starrten in ihre Handys, sagt Yeter. „Heute spielen sie mit.“ Und er hilft Schülern bei Mathe-Hausaufgaben. Auch andere Anwohner haben hier ihren Mittelpunkt gefunden. Am Rande des Platzes hat jemand aus Holzpaletten eine Sitzgelegenheit gezimmert. „Vor zwei Jahren hat da hinten jemand Kürbis gepflanzt“, sagt Tanja Dickert und deutet auf die Grünflächen.

Standortwechsel. „Sieht ja wieder herrlich aus hier!“ Quartiersmanagerin Suzan Mauersberger blickt auf Pizzakartons und anderen Müll. Die Ecke Kanner/Böhmische Straße, nahe der Richard-Grundschule, haben die Anwohner im Zuge der Umgestaltung „Freundschaftsplatz“ getauft. Eigentlich sollte der Name offiziell werden, doch es hat nur zu einem Schaukasten gereicht. Es gibt auch eine Boulefläche – „aber die wird noch nicht angenommen“, sagt Suzan Mauersberger –, zudem eine Tischtennisplatte und zwei Steintische, in die ein Schach- und ein Backgammon-Spielfeld eingelassen sind. Heute stehen da statt Spielfiguren bloß Bierflaschen. Manchmal, wenn die zwei Platten am Böhmischen Platz besetzt sind, kommen ein paar Leute hierher zum Spielen. Damit der „Freundschaftsplatz“ irgendwann seinen Namen zu Recht trägt, veranstaltet die Kunstfiliale am 15. September, am Aktionstag des Tagesspiegels, ein Kiezfest dort, den „Rixdorfer Murmelball“. Gemeinsam wird aufgeräumt, dann gibt es Spiele und Musik.

Auch der Esperantoplatz nahe dem S-Bahnhof Sonnenallee, mit dem neuen großen Sternmosaik in der Mitte, ist bisher noch eine Enttäuschung für die Quartiersmanagerinnen. Durch die vielen Sträucher ist er eher ein Durchgangsplatz, doch es gibt auch Bänke zwischen dem zugewucherten Grün. Warum hier seit Jahren nichts mehr getan wird, weiß Suzan Mauersberger nicht. „Das ist Aufgabe des Bezirks“, sagt sie. Tanja Dickert versucht, es positiv zu sehen: „Brennnesseln sind gut für die Schmetterlinge“, sagt sie lachend. Das Neuköllner Stadtentwicklungsamt erklärt auf Nachfrage, die Pflege der Grünfläche am Esperantoplatz sei nun an eine externe Firma vergeben. Sie werde bis zur zweiten Augustwoche mit der Arbeit auf dem Platz beginnen. Weshalb zuvor nichts geschehen ist, wird nicht beantwortet.

In der Kunstfiliale in der Hertzbergstraße startet Tanja Dickert bald das nächste Projekt: Gemeinsam mit Anwohnern wird die Fassade neu gestaltet. Ein Bild über die Entstehung des Kiezes soll drauf: Es beginnt mit den Dinosauriern, geht viel später über den Einzug der Böhmen immer weiter Richtung Gegenwart. Und was im Fassadenbild steht für die Zukunft? Drei große Fragezeichen.

Am 15. September, veranstaltet die Kunstfiliale Richardplatz den Rixdorfer Murmelball. Am Freundschaftsplatz, Böhmische Str. 1, wird ab 13 Uhr aufgeräumt, dann können alle Helfer sich bei Spielen und Musik vergnügen (www.richard-quartier.de). Sie wollen sich an der Aktion beteiligen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

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