Saubere Sache in Neukölln : Mit Nagellack gegen rechts

„Ich bin eine Politputze“, sagt Irmelah Mensah-Schramm. Die 66-Jährige kämpft seit 24 Jahren gegen Nazi-Aufkleber. Der kleine Albtraum der Ostberliner Neonaziszene trägt Blümchenbluse.

von

Am 15. September will Irmela Mensah-Schramm um 12 Uhr am S-Bahnhof Rudow zu einer neuen Tour starten. Helfer sind willkommen. Kontakt können Sie zu den Initiatoren dieser Veranstaltung über einen Klick auf die Karte oben aufnehmen. Sie wollen sich an der Aktion beteiligen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

Irmela Mensah-Schramm ist praktisch täglich in Aktion. Seit mehr als 25 Jahren ist das die Berufung der früheren Heilpädagogin, die dafür mehrfach ausgezeichnet wurde.
Irmela Mensah-Schramm ist praktisch täglich in Aktion. Seit mehr als 25 Jahren ist das die Berufung der früheren Heilpädagogin,...Foto: Mike Wolff

Der kleine Albtraum der Ostberliner Neonaziszene trägt heute Blümchenbluse, dazu Sandalen, Stoffhose in Pink. Irmela Mensah-Schramm kramt hektisch in ihrem Beutel, während sie in die Weitlingstraße in Lichtenberg einbiegt. Es ist ein stickiger Augusttag, und die Sonne brennt wie ein riesiger Scheinwerfer auf die grauen Häuserfassaden. In den Cafés rund um den S-Bahnhof Lichtenberg herrscht Hochbetrieb. Schramm ist das egal. Bloß keine Zeit verlieren. Dann zieht sie ihre neuste Waffe im Kampf gegen die Rechten aus einer blauen Tupperdose. „Ceranfeldschaber“, sagt die Rentnerin stolz, als hätte sie soeben einen Schatz gehoben. War im Sonderangebot.

Fünf Minuten später geht sie vor einem Elektrokasten in die Hocke, die Zunge im Eifer zwischen die Lippen geklemmt. Immer wieder fährt sie mit dem Schaber über einen NPD-Aufkleber bis auch die letzten Reste abgekratzt sind. „Sehen Sie, so wird das gemacht.“ Wieder ein kleiner Sieg, exakt der dreiundfünfzigtausendsechshunderteinundsechzigste. So viele Neonazi-Aufkleber hat sie nach eigener Zählung schon beseitigt. Daheim hat sie dafür ein Album angelegt – ihre persönliche Trophäensammlung.

Seit 24 Jahren reist das Mitglied der Zehlendorfer Friedensinitiative durch Berlin und die Republik und entfernt Nazischmierereien und Aufkleber von öffentlichen Plätzen. Fast jeden Tag, ohne Bezahlung. Damit schaffte die frühere Heilpädagogin es schon ins Fernsehen und in die internationale Presse – ein weiblicher Don Quijote, für ihr Engagement mehrfach mit Preisen geehrt. „Ich bin eine Politputze“, sagt Schramm über sich selbst, während sie als „Ein-Mann-Armee“ durch die Straßen von Lichtenberg marschiert. „Ha! Da ist wieder eins“, ruft sie ab und zu. Manchmal sind die Aufkleber so unscheinbar, dass die meisten sie übersehen würden, aber Irmela Mensah-Schramms Falkenauge entgeht nichts. Es gilt, die Menschenwürde zu verteidigen.

Immer mit dabei hat sie ihre Ausrüstung: Nagellackentferner, Spachtel, Antigraffiti-Mittel, Küchenmesser, Schraubenzieher und Dispersionsfarbe. Aufkleber werden abgekratzt, Schmierereien weggeschrubbt. Und wenn alles nichts hilft, greift sie auch mal selbst zur Sprühdose und übersprüht die Naziparolen einfach. Dafür kassierte sie außer wütenden Blicken von Passanten auch schon eine Anzeige wegen Sachbeschädigung.

Zusammen mit den Bahnfahrkarten gibt die Rentnerin 300 Euro im Monat für ihre Aktion aus, Spenden erhält sie momentan nicht. Dennoch ist ihr die gute Sache das wert. Ihr Einsatzgebiet in Berlin umfasst vor allem Rudow, Lichtenberg, Schöneweide und Königs Wusterhausen. Fündig wird sie meist an Bahnhöfen oder vor Supermärkten, aber auch an Häuserfassaden oder Straßenlaternen. Suchen müsse sie jedenfalls nie lange. Mit ihrer Ein-Frau-Initiative legte die ehemalige Pädagogin im Alter von 40 Jahren los. Ein Rudolf-Hess-Aufkleber in Berlin-Wannsee wurde ihr Erweckungserlebnis. Wenn ich es nicht tue, wer dann, hat sie sich damals gefragt. Es gab kein Zurück mehr, nicht einmal Morddrohungen oder Beschimpfungen konnten sie abhalten.

Irmela Mensah-Schramm schaut an diesem Morgen ab und zu über die Schulter. Normalerweise werde sie in Lichtenberg von einem stadtbekannten Neonazi verfolgt, sagt sie, aber heute keine Spur von ihm. Das enttäuscht sie beinahe. Dabei verfolgen sie solche Situationen bis in den Schlaf. Neulich fand sie sogar Neonazi-Aufkleber mit ihrem eigenen Foto darauf: „Wenn Schramm abkratzt, ist uns das egal“, lautete der Text. „Das ist eine versteckte Morddrohung“, sagt die Zehlendorferin.

Aber einschüchtern konnte sie natürlich auch das nicht. Im Gegenteil, sagt sie, das sporne nur noch mehr an. Denn so funktioniert das System Schramm: keine Kompromisse, alles für die Sache. Irmela Schramm gab selbst ihr Bundesverdienstkreuz zurück, als sie erfuhr, dass der ehemalige CDU-Politiker Heinz Eckhoff ebenfalls geehrt werden sollte. Eckhoff, sagt Schramm, sei während des Zweiten Weltkrieges Mitglied der SS gewesen. Die 66-Jährige war empört, wie eigentlich häufig. Denn sie musste in den letzten Jahren viele Gefechte führen: Nicht nur mit den Rechten, auch mit der Polizei, Staatsanwaltschaft und wegschauenden Bürgern legte sie sich an. Sie selbst allerdings glaubt, dass die Aufgabe ihr das Leben gerettet hat. Vor 17 Jahren musste sie wegen einer Krebserkrankung operiert werden. Zwei Tage später trippelte sie aber schon wieder im Nachthemd durch die Charité: „Wir brauchen Nagellackentferner und einen Eimer“, habe sie gerufen. Sie hatte eine Schmiererei am Gebäude entdeckt.

Am 15. September will Irmela Mensah-Schramm um 12 Uhr am S-Bahnhof Rudow zu einer neuen Tour starten. Helfer sind willkommen. Kontakt können Sie zu den Initiatoren dieser Veranstaltung über einen Klick auf die Karte oben aufnehmen. Sie wollen sich an der Aktion beteiligen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

12 Kommentare

Neuester Kommentar