Saubere Sache in Pankow : Kunst am Platz

Seit ein Teil von ihm zur Wendeplatte wurde, ist der Caligariplatz irgendwie verstümmelt. Aber der Rest hat ein hübsches Pflaster – und eine Initiative, die unermüdlich versucht, ihn zu einem Treffpunkt für alle Weißenseer aufzuwerten: die Brotfabrik.

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Für die Tagesspiegel-Aktion „Saubere Sache“ lädt die Brotfabrik Freiwillige ein, am Sonnabend, 15. September, gemeinsam ein großes Beet um die Kastanie am Caligariplatz zu bepflanzen. Start ist um 10 Uhr. Anmeldung unter jf@brotfabrik-berlin.de. Sie wollen mitmachen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

Hier wächst was. Seit zehn Jahren kümmert sich das Team von der Brotfabrik bereits um den auf ihre Initiative hin umbenannten Caligariplatz – beim Aktionstag am 15. September soll mit vielen Helfern ein großes Beet bepflanzt werden.
Hier wächst was. Seit zehn Jahren kümmert sich das Team von der Brotfabrik bereits um den auf ihre Initiative hin umbenannten...Foto: Paul Zinken

Du musst Caligari werden.“ Die Worte klebten vor mehr als 90 Jahren wochenlang auf Berliner Litfaßsäulen. Es sind die Worte eines irren Mörders, sie kündigten den Blockbuster von 1920 an: „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Der Film von Regisseur Robert Wiene ging als Meisterwerk des Expressionismus in die Filmgeschichte ein, deutschen Filmproduktionen verschaffte er weltweit Ruhm und Ehre. Wo er gedreht wurde, wissen die wenigsten: im Berliner Ortsteil Weißensee.

Vor zehn Jahren wurde der Platz vor der „Brotfabrik“, einer Weißenseer Kultureinrichtung, auf deren Initiative hin Caligariplatz getauft – als Erinnerung an die Filmstadt Weißensee. Das Gebäude der Brotfabrik hat ebenfalls Geschichte: Das Brot, das hier gebacken wurde, lieferten Pferdefuhrwerke bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts stadtweit aus. Im ehemaligen Pferdestall im Innenhof befindet sich heute eine Galerie, außerdem gibt es in den verwinkelten Räumen ein Kino, ein Theater und eine Kneipe. Geschäftsführer Jörg Fügmann und der zugehörige Verein Glashaus setzten sich dafür ein, dass fünf Straßenschilder an die große Weißenseer Vergangenheit erinnern – hier, wo die Prenzlauer Allee zur Prenzlauer Promenade wird, am Schnittpunkt der drei Ortsteile Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee.

Vor zwölf Jahren waren das noch eigenständige Bezirke. Nach der Bezirksfusion habe es einen Verlierer gegeben, sagt Jörg Fügmann: Weißensee. Kein Rathaus mehr, keine zentrale Örtlichkeit, keine Identität. Seit Jahren ist es ihm und dem Glashaus-Verein ein Anliegen, das zu ändern. Vor vier Jahren gab es ein zweites Projekt, die Gestaltung eines Grundstücks, auf dem eine Brandruine gestanden hatte. Sie nannten es „Kiezplatz“, stellten Tischtennisplatten und Bänke auf, pflanzten Sträucher, schafften es aber nicht, dass die Anwohner den Platz nutzten und sich für ihn einsetzten. Fügmann vermutet, dass die Weißenseer es nicht gewohnt sind, ihren Kiez selbst zu gestalten. Im vergangenen Jahr wurde der Platz dann geräumt, weil der Eigentümer das Grundstück bebauen wollte. Bis heute liegt es brach.

Auf dem Weg über den Caligariplatz verzieht Jörg Fügmann das Gesicht. „Det is ’n Wendehammer“, sagt er. Wenn er sich ärgert, fängt er an zu berlinern, und er hasst allein schon diesen Begriff. Ein Wendehammer ist eine Ausbuchtung in einer Sackgasse, hier können Autos wenden. In den Sechzigern wurde die Heinersdorfer Straße gekappt, der Caligariplatz, der damals noch keinen Namen hatte, musste einen Teil seiner Fläche an den Wendehammer abtreten. Seither hat der Platz eine leichte Bananenform – zusammen mit dem Autolärm keine ideale Bedingung für einen Kieztreffpunkt. Dennoch: Mittwochs und freitags ist hier Wochenmarkt und Fügmann arbeitet weiter daran, dass die Anwohner den Platz schätzen lernen. Der Aktionstag des Tagesspiegel fällt ziemlich genau mit dem zehnjährigen Jubiläum des Caligariplatzes zusammen. Zum Geburtstag möchte Fügmann deshalb mit Anwohnern die Baumscheibe an der großen Kastanie am Platz bepflanzen.

Zwei Jahre nach der Umbenennung sollte der Stadtplatz neu gestaltet werden. Zwei Dresdner Architekturstudentinnen gewannen den von den Brotfabriklern ausgeschriebenen Wettbewerb. Ihr Entwurf sah ein expressionistisch verzerrtes Schachbrettmuster als Bodenbelag vor – eine Hommage an den Dr.-Caligari-Film. Zufällig ließ der Bezirk zu jener Zeit den gesamten Platz neu pflastern, also stellte Fügmann das Modell vor. Das Bezirksamt orientierte sich dann zwar am Entwurf der Studentinnen, doch die Optik wurde braver als gedacht. „Der Bezirk liebt ordentliche Quadrate“, spöttelt Jörg Fügmann. Die 75 000 Euro finanzierte der Senat. Bei der Gelegenheit hätte der Wendehammer beseitigt werden können. „Aber wer will sich schon mit Bürgern wegen fehlender Parkplätze anlegen?“

Fügmann und die Leute von der Brotfabrik sehen sich als Einzelkämpfer, die hoffen, dass ihre Mühen um ihren Standort sich irgendwann lohnen. Jörg Fügmann findet ja, sie hätten zumindest in einem Punkt längst gewonnen: Caligariplatz 1 klingt viel besser als Prenzlauer Promenade 3.

Für die Tagesspiegel-Aktion „Saubere Sache“ lädt die Brotfabrik Freiwillige ein, am Sonnabend, 15. September, gemeinsam ein großes Beet um die Kastanie am Caligariplatz zu bepflanzen. Start ist um 10 Uhr. Anmeldung unter jf@brotfabrik-berlin.de. Sie wollen mitmachen, aber an anderer Stelle aktiv werden? Hier können Sie Ihre eigene "Saubere Sache"-Aktion anmelden und mit dem Tagesspiegel in Kontakt treten.

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