Berlin : Sauberkeit ist eine Frage der Klasse

Wie Stadtreinigung und Bezirke über die Häufigkeit des Kehrens in bestimmten Gebiete entscheiden

Ralf Schönball

Die Gewalt nahm kein Ende. So wurde die Sanierung eines Spielplatzes in der Soldiner Straße für das Grünflächenamt Mitte zur Sisyphusaufgabe: „Wir hatten die Rechnung für die Reparatur der Anlage noch nicht bezahlt, da war die Anlage schon wieder zerstört“, sagt ein Mitarbeiter, der nicht genannt werden will. Die Zäune seien „mit roher Gewalt“ herausgerissen, und einfach liegen gelassen worden. Weil sich Kinder verletzen könnten, muss das Amt den Reparaturauftrag nun kurzfristig ein zweites Mal erteilen, erneut mit ungewissem Ausgang.

„Zerstörungen, Graffiti und Müll nehmen in Spiel- und Grünanlagen zu“, sagt Jürgen Götte, Inspektionsleiter im Stadtteil Tiergarten. Seit etwa zehn Jahren stiegen die Aufwendungen für Müllgebühren im Bezirk stetig. „Das Geld fehlt an anderen Stellen“, sagt Götte. Für neue Grünpflanzen in Parks zum Beispiel. Die Ursache dafür ist einfach: „Die Leute lassen ihren Abfall da fallen, wo sie gerade sitzen“, sagt Götte. Den Gang zu den Mülleimern – der Bezirk vergrößerte bereits deren Fassungsvermögen – verweigern immer mehr Leute, und keineswegs nur Berliner, wie der Inspektionsleiter sagt. Die vielen Touristen in Mitte tun es ihnen gleich.

Mitte ist kein Einzelfall. Um die besonders betroffenen Gebiete mit dem Problem nicht allein zu lassen, reagierte der Senat: Seit Anfang 2005 verteilt er beim „Wertausgleich Grün“ mehr Geld an Bezirke mit schlechten Sozialdaten. Laut Beate Profé, Referatsleiterin Stadtgrün bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, sollen davon dicht besiedelte Gebiete mit wenig privaten Gärten profitieren. Denn deren Bewohner nutzten die öffentlichen Grünanlagen besonders oft – und deshalb falle dort auch mehr Müll an.

Bei den Grünflächenämtern der Bezirke und der Stadtreinigung (BSR) entscheiden aber nicht nur die Sozialdaten darüber, wie intensiv Straßenzüge und Parkanlagen gepflegt werden. Der Kurfürstendamm und das Regierungsviertel als Touristenmagnet bekommen eine Sonderbehandlung von BSR und Bezirk. Täglich kehren die Männer in Orange die Einkaufsmeile, Nebenstraßen dagegen nur drei Mal in der Woche, Straßen in Eigenheimsiedlungen sogar nur ein Mal wöchentlich. Und das Grünflächenamt Mitte lässt vor Kanzleramt und Reichstag jeden Grashalm stutzen. Sogar eine automatische Beregnungsanlage wurde eingerichtet, damit der Rasen auch in einem Jahrhundertsommer keinen Schaden nimmt.

Welche Bereiche die BSR besonders gut pflegt, das steht in dem „Straßenreinigungsverzeichnis“ für Berlin. Dieses wird von einer Kommission von Experten der BSR, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, des Amtes für regionalisierte Ordnungsaufgaben und der Bezirke erstellt. Laut Carlo Zandonella, für Abfallwirtschaft und Straßenreinigung bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zuständig, kehren die Männer in Orange besonders oft dort, wo „es viel Fußgängerverkehr gibt“. Nicht eine bestimmte soziale Schicht, sondern die große Zahl von Menschen lasse den Müllberg wachsen.

Keine oberste Priorität haben die Grünanlagen im Soldiner Kiez für den Bezirk Mitte: Dort werden, wie in Berlin überhaupt, die Grünanlagen in vier „Pflegeklassen“ eingeteilt. Der Soldiner Kiez gehört zur dritten Klasse. Zur ersten gehört dagegen das Regierungsviertel. Und dabei gilt die Regel: Je höher der Klassenstatus, desto mehr Geld fließt auch.

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