Berlin : Schaden Wowereits Showauftritte dem Ansehen seines Amtes?

Werner van Bebber

Spricht noch einer von der „Würde“ des Amtes? Das muss auch nicht sein. Dennoch: Klaus Wowereit schadet dem Ansehen seines Amtes gleich doppelt, wenn er als Regierender Bürgermeister durch das Unterhaltungs- und Ereigniserfindungsfernsehen tourt. Niemand will ihm die Lebensfreude nehmen, die er bei Gottschalk und Co. erkennen lässt. Doch Wowereit dürfte auf alle, die Berliner Politik nach politischen Kriterien beurteilen, unglaubwürdig wirken, wenn er am Morgen nach dem fröhlichen Auftritt die ausgezehrte Finanzlage der Stadt und ihre Reformmüdigkeit erläutern soll. Wowereit und seine Berater setzen auf die spätabendliche Medien- und Partyszene, um Investoren zu gewinnen. Erfolge sind nicht zu bestreiten, haben aber mit Wowereits Unterhaltungsfernsehkarriere nur begrenzt zu tun. Die Leute, die er treffen muss, um Geschäfte für die Stadt zu machen, trifft er auch ohne Millionenpublikum. Das dient allein der Prominenz. Womit die zweite Ebene der Amtsbeschädigung angesprochen ist: Politik ist so kompliziert geworden, dass das Publikum nur noch populären Politikern zuhört. Ein gefährlich großes politisches Desinteresse ist entstanden. Den Trend kehrt niemand um, der das Amt des Ministerpräsidenten darstellt wie eine Moderatorenkarriere. Den Bundeskanzler hat die Lage längst eingeholt – seiner Glaubwürdigkeit hat das nicht geschadet. Wer den Job im Roten Rathaus macht, sollte nicht allein auf Einschaltquoten achten.

Klaus Wowereit ist bekannt für sein Durchhaltevermögen. Verhandlungspartner wissen, dass er Marathonsitzungen mühelos wegsteckt und sich auch nach stundenlangen Debatten noch in den Details auskennt. In den unattraktiven Feinheiten der Finanz- oder der Tarifpolitik beispielsweise. Das ist zurzeit wirklich kein Arbeitsgebiet, das viel Spaßpotenzial birgt. Aber der Regierende Bürgermeister lässt sich bei diesen ihm am Herzen liegenden Themen nicht vom Kurs abbringen. Auch nicht durch seine Ausflüge in die Party- und Mediengesellschaft. Dass Wowereit dabei fast das gleiche Durchhaltevermögen wie im politischen Geschäft an den Tag legt, muss niemanden irritieren. Seine dortigen Auftritte absolviert er nämlich nicht auf Kosten, sondern als Bestandteil seines Amtes. Denn mit seiner medialen Präsenz auch in Unterhaltungssendungen will Wowereit Signale senden: Berlin ist eben nicht nur die Stadt, die unter dem Joch der Pleite leidet, sondern auch eine Metropole, die lebendig, witzig und aufgeschlossen ist. Und Wowereit ist derjenige, der diese Stadt nach außen repräsentieren will. Dass ihm diese Aufgabe Spaß macht, ist doch umso besser. Natürlich muss man nicht jeden Auftritt – ob bei Gottschalk oder Alsmann – gleich gut finden, aber seinem Amt als Regierender Bürgermeister schadet er damit überhaupt nicht. Viel schädlicher wäre es, wenn er den Eindruck vermitteln würde, in dieser Stadt gebe es nichts mehr zu lachen. Sigrid Kneist

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