Berlin : Schadenfreude bei den Kleingärtnern

Pächter der Kolonie Württemberg in Wilmersdorf hoffen auf Pleite des Bauherrn, der sie verdrängen will

Cay Dobberke

Annegret Falter hat neue Hoffnung, ihre Parzelle in der Kolonie Württemberg in Wilmersdorf behalten zu können. „Eigentlich sollen wir Ende November alles räumen“, sagt die Kleingärtnerin, aber Berichte über Finanzprobleme des Investors haben ihre Stimmung gehoben. Zehn Stadthäuser mit 110 Wohnungen sind geplant. Doch es gibt Widerstand: Falter hatte gegen die Räumung geklagt, am Freitag verhandelte das Amtsgericht Charlottenburg darüber. Zwei weitere Klagen von Bewohnern der 80 Jahre alten Kolonie sind anhängig.

Es gehe nicht nur um ihr eigenes Interesse an der Parzelle, die sie seit 15 Jahren hat, sagt die Politikwissenschaftlerin. Vor allem wolle sie „das Grün und die Oase für den Kiez erhalten“, das 14 000- Quadratmeter-Gelände sei ökologisch wichtig. Und es gehöre mit seiner Lage nahe dem Kurfürstendamm zum „Tafelsilber“ der Stadt. „Man sollte nicht so leichtfertig mit Ressourcen umgehen.“

In zwei bis drei Wochen will das Gericht urteilen. Die Klagen richten sich gegen den Berliner Liegenschaftsfonds als Verkäufer des Areals und den Bezirksverband der Kleingärtner als bisherigen Vermieter. Die Investorenfirma Capricornus machte den Kleingärtnern jetzt ein neues Angebot: Jeder soll rund 3500 Euro zusätzlich zur gesetzlichen Entschädigung bekommen. Doch für Annegret Falter ist klar: „Das Geld interessiert mich nicht.“

Capricornus betont, von Verzögerungen beim Projekt könne keine Rede sein. Die von der Finanzkrise betroffene US-Bank Morgan Stanley wolle zwar als Hauptgeldgeber aussteigen, suche aber Ersatz-Gesellschafter. „Das Grundstück steht nicht zum Verkauf“, sagte ein Anwalt. Den Zeitplan müsse man auch „wegen Verpflichtungen gegenüber dem Liegenschaftsfonds“ einhalten. Ein Teil des vereinbarten Kaufpreises in Höhe von 9,3 Millionen Euro sei bereits bezahlt, der Rest werde nach der Räumung fällig.

Annegret Falter beklagt, der Investor agiere als „Spaltpilz“ und habe viel Druck ausgeübt: Den Kleingärtnern wurden hohe Schadensersatzforderungen angedroht, falls sie nicht pünktlich ausziehen. Zugleich bot die Firma aber an, Abrisskosten für fristgerecht geräumte Lauben zu tragen. 30 der 48 Pächter gingen darauf ein. Die Bewohner verstünden sich weiterhin gut, sagt der Kolonievorsitzende Paul-Gerhard Lichtenthäler: „Man hilft sich, auch wenn es keine Vereinsmeierei gibt.“ Lichtenthäler möchte die Anlage stärker im Kiez verankern: Denkbar sei die Zusammenlegung von Parzellen für eine öffentliche Grünanlage. Über Schulgärten für Kitagruppen und Schulklassen führe man bereits Gespräche.

Der Investor argumentiert mit „öffentlichem Interesse“ am Wohnungsbau. Dagegen verweist der Anwalt der Anwohner, Falko Kalisch, auf mehr als 2800 Einwände von Anwohnern im Bebauungsplanverfahren. Ein Gerichtssieg könnte ein Jahr Schonfrist bedeuten. Die Klagen beruhen darauf, dass das Bebauungsplanverfahren noch läuft. Ist es beendet, „sieht es rechtlich ganz anders aus“, gibt der Anwalt zu. „Aber in einem Jahr kann viel passieren“, sagt Annegret Falter. Vielleicht sei der Bauherr dann ja pleite.

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