Berlin : Schädlinge setzen Kastanien zu – so schlimm wie nie

Miniermotte vermehrte sich 2006 besonders stark Behörden rufen Berliner zum Laubsammeln auf

Annette Kögel

Schon lange nicht mehr ging es Berlins Kastanienbäumen so schlecht wie in diesem Jahr. „Der Befall mit Miniermotten ist doppelt so schlimm wie 2005“, sagt Barbara Jäckel, Schädlingsexpertin beim Pflanzenschutzamt Berlin. Ursache dafür war der harmlose Winter, so dass schon die erste Mottenpopulation im Frühjahr besonders gut gedeihen konnte. Und dann vermehrte sich der zerstörerische Kleinschmetterling bei Wärme und Sonnenschein im Sommer leider hervorragend. Da es bislang kein anderes probates Mittel gegen den millimeterkleinen Fraßschädling gibt als Laubfegen und -entsorgen, appellieren Pflanzenexperten, Bezirks- und Senatsbehörden jetzt wieder an alle Berliner, bis in den Winter so oft wie möglich freiwillig die Harke in die Hand zu nehmen.

Offizieller Auftakt der Fegesaison ist der 30. Oktober, da greift auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge- Reyer (SPD) wieder demonstrativ im Tiergarten gegenüber dem Haus der Kulturen der Welt zum Rechen. Denn in jedem Blatt der insgesamt 48 000 weißblühenden Berliner Straßenkastanien fressen sich bis zu 350 Larven durchs Grün. Die Blätter werden braun, kräuseln sich, fallen allzu früh herunter, tragen hunderte Puppen in sich. Der Baum wird geschwächt, kann keinen Sauerstoff mehr produzieren – und treibt sogar wie in diesem Jahr an der Parchimer Allee in Neukölln oder nahe der FU in Dahlem Stressblüten aus. Blühende Kastanienbäume im Herbst – „das gab es zuletzt 2003. Für die Bäume ist das sehr schlecht, denn sie haben ihre Energie für 2007 schon jetzt vergeblich verbraucht“, sagt Expertin Barbara Jäckel. Dort, wo es jetzt weiß blüht, treiben die Bäume nächstes Jahr nicht mehr aus.

Nun haben die Kastanien nicht erst seit gestern die Motten. Die Berliner Behörden haben gerade die dreijährige, mit 800 000 Euro von Senat und EU geförderte Versuchsreihe gegen die Motte abgeschlossen. Ein Ergebnis: Erfolgreich gegen die Miniermotte kann die Erzwespe eingesetzt werden. Da klopft man zwei Flaschen mit etwa 500 Tieren am Baum aus, gibt ihnen noch ein bisschen Futter wie Honiglösung auf den Weg – und dann legen die nicht stechenden Miniwespen ihre Eier einfach in die Larve der Motte. Die Wespenlarve frisst sich durch die Mottenlarve – und fliegt davon. Die Motte ist tot, das Blatt bleibt grün. Die Bezirke und auch der Senat haben großes Interesse an dieser biologischen Bekämpfung, nun müssen aber noch Züchter die Erzwespen in größeren, preiswerten Mengen abgeben.

Methode Nummer zwei: An die Kastanienrinde werden Pflaster geklebt, die Chemikalien darin nimmt der Baum auf und saugt sie hoch bis in die Blätter. Die Chemikalien werden aber noch geprüft, die Marktzulassung ist frühestens in zwei Jahren zu erwarten, sagt Jäckel. Auch die Pheromone, Sexuallockstoffe, mit denen die männlichen Motten verwirrt werden und dann die Weibchen nicht mehr finden, ist noch nicht großflächig marktreif.

Die Berliner Pflanzenschützer werden aber in der Stadt weiter testen, und vielleicht auch mal unverhohlen neidisch nach Österreich schauen. Dort ist die - für eine Großstadt ungeeignete – Sprühchemikalie Dimilin im Einsatz. Was für ein ungewohnter Anblick, diese sattgrünen Kastanien am Bodensee!

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