Schädlingsbekämpfung : Gefräßige Biester werden zur Plage

Pflanzenschädlinge setzen den Bäumen zu wie nie zuvor. Auch den Menschen werden sie gefährlich. In Berlin sind vor allem die grünen Stadtteile und Ausflugsgebiete am Rande der Metropole befallen.

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Neue Plage. Die Miniermotten setzen den Kastanien so stark zu wie selten zuvor, die befallenen Blätter verfärben sich besonders früh. Unter der geschlossenen Schneedecke des Winters überlebten sehr viele Puppen, in den heißen Sommerwochen breiteten sich die Schädlinge massenhaft aus.
Neue Plage. Die Miniermotten setzen den Kastanien so stark zu wie selten zuvor, die befallenen Blätter verfärben sich besonders...Foto: Norbert Försterling/dpa

Kleine Viecher, große Wirkung: Berlins Natur leidet in diesem Jahr der Extreme besonders unter Pflanzenschädlingen. So sind die 48 000 weißblühenden Kastanien in dieser Stadt so schlimm wie noch nie von den aus Südosteuropa eingewanderten Miniermotten befallen. Und der heimische Eichenprozessionsspinner hat sich mit seinen Raupen dermaßen mit Gespinsten in den Wäldern ausgebreitet, dass Pflanzenschutzamt und Berliner Forsten sogar schon Spezialfirmen zur Beseitigung der hoch allergenen Schmetterlingsraupennester anrücken ließen. Die Raupen gelten als Gesundheitsgefahr für die Berliner Bevölkerung. In den Forsten standen sogar erstmals Warnschilder. Viel Schnee und Kälte im Winter und Frühjahr, dann die extreme Hitze im Sommer – diese Wetterlagen begünstigten die Ausbreitung der Schädlinge.

Erst Ende der vergangenen Woche haben die Mitarbeiter einer Schädlingsbekämpfungsfirma weiße Nestergespinste in Bodennähe nahe einem Waldkinderspielplatz in Gatow mit Spezialgeräten abgesaugt. Die Experten trugen weiße Ganzkörperanzüge, fast wie Astronauten. „Schon ein bis zwei der kleinen Nesselhärchen der Eichenprozessionsspinnerraupen pro Kubikmeter Luft reichen aus, um allergische Reaktionen auszulösen, und in den Rückzugsnestern der kleinen Schmetterlingsgespinste in elf Bäumen sind das ja Millionen“, sagt Marc Franusch, Sprecher der Berliner Forsten. Die Haut wird gereizt, die Augen röten sich, Atemwegsorgane können sich entzünden. In Berlin sind vor allem die grünen Stadtteile und Ausflugsgebiete am Rande der Metropole befallen: Zehlendorf, Spandau, Tegeler Forst.

Raupenwanderung. Die Eichenprozessionsspinner überziehen mancherorts ganze Baumstämme. Schädlingsbekämpfer müssen den hochallergenen Tieren in Schutzanzügen zu Leibe rücken.
Raupenwanderung. Die Eichenprozessionsspinner überziehen mancherorts ganze Baumstämme. Schädlingsbekämpfer müssen den...Foto: privat

Noch schlimmer ist es im Brandenburger Umland. Dort wickelten sich im Hochsommer „vier, fünf Reihen um die bis zu 15 Meter hohen Eichen“, hat Barbara Jäckel, Expertin im Berliner Pflanzenschutzamt, beobachtet. Um eine Gefährdung für die Bevölkerung auszuschließen, werden die heißhungrigen Raupen, die sich durch die Blätter fraßen und derzeit als Schmetterlinge schon wieder Eier für die nächste Generation ablegen, sogar mit Bazilluspräparaten aus der Luft besprüht. „Die kahlen Eichen haben in ihrer Not Ersatztriebe ausgebildet, und nun sind die Johannistriebe abgefressen“, sagt Forstsprecher Franusch. Zusammen mit dem Mehltaubefall und der extremen Dürre im Sommer sei das ein Bündel von Belastungen. „Wie sehr das der Vitalität der Bäume schadet, werden wir im nächsten Frühjahr sehen“, sagt Barbara Jäckel.

Der Pflanzenschutzexpertin bereitet auch ein weiterer kleiner Schmetterling Kopfzerbrechen. Vor allem in den Außenbezirken, in den Einfamilienhausgegenden mit kleinen Straßen, in denen die Stadtreinigungsbetriebe selten Laub fegen, „sind einige Kastanien schon komplett braun oder sogar entlaubt“. Anderswo umschwärmen die sandfarbenen Mini-Miniermotten das letzte Grün am Baum oder verirren sich in Wohnungen. Bislang war 2003 das schlimmste Miniermottenjahr, aber 2010 geht als neues Jahr der traurigen Rekorde in die Statistik der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein. Bislang entpuppten sich rund 25 Larven in jedem der meist sechs Kastanienfiederblätter. „In dieser Saison waren es bis zu 100“, sagt Jäckel.

Wie das so plötzlich kommt? Der Winter war hart und kalt und mit konstanter Schneedecke. Da mussten die Puppen im Boden nicht ständig die Temperatur regulieren, sondern konnten bequem in den Winterschlaf verfallen, um im Frühjahr mit voller Energie wieder aufzuwachen. Eine Art biologisches Frostschutzmittel wärmt sie bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad.

„In diesem Jahr schlüpfte jetzt Ende August sogar eine dritte Generation, so schlimm war es noch nie, die haben sich durch die Hitze explosionsartig entwickelt.“ Deswegen richten die Stadtentwicklungsbehörde, das Pflanzenschutzamt und die Berliner Forsten jetzt schon den Appell an alle Berliner: Bitte fegen, denn nur Laubentsorgung hilft gegen die Motte und sichert die Funktion der Bäume als Sauerstofflieferant.

Unterdessen gibt es auch positive Nachrichten für Naturfans und Gartenliebhaber. Zumindest die wollige Napfschildlaus, die den Linden an die Rinde geht, ist in diesem Jahr zurückhaltend.

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