Berlin : Schäkern mit Gottes Segen

Als katholischer Single Gleichgesinnte zu finden, ist in Berlin nicht ganz einfach. Zum Glück gibt es die passende Party im Kloster.

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Foto: David Heerde

Alisa gibt alles. Die 32-Jährige wirft ihre Haare zurück, wackelt mit dem Oberkörper und strahlt verzückt zu Chers „It’s in his kiss“. Die anderen sollen ihren Tanzstil bewerten – zu gewinnen gibt es zwei Restaurantgutscheine.

Der Saal tobt. Es hat etwas von Cluburlaub oder Pop-up-Party an extravagantem Ort – aber es ist der „kathklub“ im Gemeindehaus des Dominikanerklosters Sankt Paulus in Alt-Moabit. Gegenüber liegen die Zellen der neun Patres. Der Gemeindepfarrer, Pater Michael, hat zu Beginn noch den Segen gesprochen. „Wenn wir an Gott glauben“, sagt er, „dann auch daran, dass er uns einen bestimmten Menschen schickt.“ Carlo Murru, der 39-jährige Veranstalter, assistiert also gewissermaßen dem Allmächtigen: Der „kathklub“ geht bereits in die dritte Runde.

Weit und breit kein Kirchentagslook mit Batikhemd und Holzkreuz, aber auch kein Hipster mit Vollbart und Nerd-Brille. Nur ab und zu ein Mann mit zu kurzer Hose und schlimmer Frisur, ansonsten dominieren die Holzfällerhemden, die man auch in jeder deutschen Fußgängerzone trifft. Bei den Frauen ist von zierlichen Ballerinas über grobe Treter bis hin zu Ankleboots und sexy Stiefeln alles dabei. 140 Leute haben sich diesmal angemeldet. Altersdurchschnitt um die 40. „Mehr geht nicht aus Sicherheitsgründen“, sagt Murru, „nun heißt es, stapeln und kuscheln.“ Wer dabei sein will, muss sich per Mail anmelden und etwas fürs Buffet mitbringen. Er sollte Single sein, mindestens 21 und „katholisch im Glauben“, wie Murru sagt. Der Taufschein allein reicht nicht, doch überprüfen könne er das wohl kaum. Als er Anfang des Jahres den „kathklub“ gründete, war das nicht ganz uneigennützig, doch dann klappte es doch schon vorher mit der Liebe.

Es sei in Berlin schwierig, sich als Katholik zu outen, meint er. „Hier aber weiß ich, dass die Leute die gleichen Basics mitbringen“, ergänzt Charlotte, 26-jährige Neu-Berlinerin aus Münster. „Es macht vieles einfacher“, glaubt auch Raphaela, 39 Jahre alt und aus Potsdam, „Katholiken leben ihren Glauben oft anders als Protestanten, indem sie zum Beispiel regelmäßiger zum Gottesdienst gehen.“ Der 29-jährige Clemens, gebürtiger Berliner, sagt, man treffe in der Stadt kaum Katholiken. „Wir hatten einen sehr modernen und pragmatischen Pfarrer, nun haben wir das genaue Gegenteil“, erzählt er. „Seitdem sitzen in der Gemeinde nur noch Leute über 70.“ Die katholische Kirche habe zwar Angebote für alle möglichen Gruppen, ob Kinder, Jugend, Familien oder Senioren, aber bisher nichts für Singles, hört man hier immer wieder.

Ab 21 Uhr wird die Tanzfläche eröffnet – um Mitternacht ist Schluss, damit die Patres schlafen können. Eine Discokugel baumelt unterm Bogengang, Kunstnebel breitet sich auf der Tanzfläche aus. Ein Paar schwoft unbefangen Discofox – in welchem Berliner Club geht denn so was noch? „Relax!“, wummert Holly Johnson aus dem Lautsprecher. Ein schwuler Musiker – kein Problem? „Nein“, sagt Murru, „nur bei gewaltverherrlichenden Texten hört es auf.“

Alisa, die Dancing Queen, stürmt als eine der Ersten die Tanzfläche. Sie hat tatsächlich den Gutschein gewonnen, den sie mit Matthias einlösen wird, da er, so die Spielregeln, das letzte „Gebot“ für sie gemacht hatte. Was würde passieren, wenn sie sich in einen Nicht-Katholiken oder Atheisten verlieben würde? „Schwer zu sagen“, sagt Alisa, „aber als Erstes zählt der Mensch, nicht die Konfession.“

Namen der Partygäste auf deren Wunsch geändert; Infos: www.kathklub.de

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