Berlin : Schalensitze aus dem Stadion: Olympisches zum Schnäppchen-Preis

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die alten Schalensitze, die im Olympiastadion ausgedient haben, sind ein Verkaufsschlager geworden. Von 70 000 Plastiksitzen seien nur noch 14 000 zu haben, berichtet die Sprecherin der Bauverwaltung, Petra Reetz. Den Rest habe man verkauft oder an landeseigene Einrichtungen vergeben. Besitzer von Gartenlokalen griffen zu, ein Unternehmer aus Süddeutschland baute im Pausenraum seiner Mitarbeiter Stadionstühle ein. Berliner Sportanlagen wurden bedient, und das Stadion "Alte Försterei" - Heimstatt des 1. FC Union - wird im Zuge von Sanierungsmaßnahmen olympia-bestuhlt.

Große Geschäfte sind mit den Sitzen nicht mehr zu machen. Reetz wollte den Verkaufspreis nicht verraten. "Teuer sind sie nicht." Aber besser verkaufen als vernichten. Das Gerücht, die Plastikschalen sollten eingeschmolzen werden, sei "völliger Quatsch". Außer den 14 000 Sitzschalen, die noch im Angebot sind, gibt es weitere 9000 Sitze, die vorläufig eingemottet werden mussten. Sie lagern auf dem Gelände des Olympiastadions und dienen als "corpus delicti" für eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der Firma Max Maier. Das Karlsruher Unternehmen hatte sich - ebenso wie die Firma Stohl-Held in Bernried - im vergangenen Jahr vertraglich verpflichtet, bis zum Champions-League-Qualifikationsspiel von Hertha BSC gegen Famagusta am 11. August 1999 für das Olympiastadion je 18 000 nagelneue Klappsitze zu liefern.

Der Senat entschied sich damals für die neun Millionen Mark teure Blitzaktion, um die strengen Uefa-Auflagen zu erfüllen. Das Unternehmen Maier konnte jedoch nur 7000 Sitze termingerecht anliefern. Die Bauverwaltung gehorchte der Not und ließ statt der Klappsitze viele tausend Schalensitze auf die alten Holzbänke im Stadion schrauben, um das Stadion bis zum 11. August ausreichend bestuhlen zu können. Der Plan des Senats, einheitlich Klappsitze einzubauen, die nach der Stadionsanierung komplett wiederverwendet werden können, war damit obsolet. Stattdessen bot sich den Zuschauern im August 1999 ein buntes Bild: Grüne und blaue Schalensitze auf dem Ober- und Unterring, silbergraue Klappsitze auf der Gegengeraden des Stadions. Die Schalensitze, das war klar, waren nicht wiederverwendbar.

"Wir wollen aber kein Geld für etwas ausgeben, was keine Dauerwirkung hat", hatte Sportsenatorin Ingrid Stahmer fest versprochen. "Wir werfen kein Geld zum Fenster hinaus", hatte Bausenator Jürgen Klemann erklärt. Die Mehrkosten für die Sitzschalen, drohte Klemann damals an, werde man bei der säumigen Firma eintreiben. Die Drohung wurde wahr gemacht, der Senat klagte auf Schadensersatz in Höhe von 400 000 Mark. Bis zum Abschluss des Rechtsstreits, in dem auch geklärt wird, wem die längst wieder ausgebauten 9000 Schalensitze am Ende gehören, dürfen sie nicht weiterverkauft werden. Sollte demnächst mit der Stadionsanierung begonnen werden, muss notfalls noch ein Zwischenlager gefunden werden.

Nach erfolgreicher Überwindung der Sitzkrise, die den Senat im vergangenen Jahr vor eine Bewährungsprobe stellte, wurden die Schalensitze im Olympiastadion wieder demontiert, denn die Uefa hatte zur Auflage gemacht, bis zur Champions-League-Runde Mitte September 76 000 Klappsitze einzubauen. So geschah es denn auch. Als Andenken ließen die Montierer etwa 55 Kilogramm Bolzen und Schrauben zurück, die von der Polizei unmittelbar vor dem Champions-League-Spiel im September sicherheitshalber aufgesammelt wurden. Kostenaufwand für 255 Überstunden: 6400 Mark. Aber darauf kam es dann auch nicht mehr an.

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