Berlin : Schall und Rauch

Jazzlegenden wie Miles Davis und Dizzy Gillespie hinterließen ihre Spuren im Quasimodo. Mit dem Feuer im Archiv hat Klubchef Giorgio Carioti viele wertvolle Erinnerungen verloren

Thomas Loy

Dizzy Gillespie hat das Feuer überlebt. Sein Porträt stand auf Giorgios Schreibtisch. Der Rauch und die heiße Luft haben nur den weißen Fotorand ein wenig geschwärzt. Jetzt liegt Dizzy flach auf dem Cafétisch. Giorgio hantiert etwas hektisch, schlägt dabei gegen die Cappuccinotasse und… „Dizzy, auch das noch“. Kaffeeflecken mitten auf dem Fotopapier. Noch ein Juwel ramponiert. Giorgio Carioti, Chef des Charlottenburger Jazzklubs Quasimodo, lacht in seinen Schmerz hinein. Vorhin war er wieder im Keller, zwischen den verkohlten Aktenordnern und angesengten Dias. Lange hält er es dort nicht aus.

Das Archiv des Quasimodo in der Kantstraße ging vor wenigen Wochen in Flammen auf. Ein paar tausend Bilder, CDs und unzählige Dokumente des ältesten und wichtigsten Berliner Jazzklubs verbrannten oder verdarben im Löschwasser. Nur die Festplatten der Computer überlebten. Dass nicht mehr passierte – womöglich das gesamte Delphi-Kino über den Büroräumen abbrannte, ist dem Barkeeper zu verdanken. Er hatte später als sonst abgerechnet und war noch im Haus, als der Brand gegen drei Uhr morgens ausbrach. Die Ursache des Feuers hätten die Experten nicht klären können, sagt Giorgio.

Der Brand ist eine Art Anschlag auf Giorgios Gedächtnis. „Unter Schock“ erlebte er noch in der Brandnacht, wie die Feuerwehrleute Schubladen und Schränke samt Inhalt aus dem Fenster warfen. Mit einem Eimer Wasser wollte er löschen helfen, aber der Rauch versperrte ihm den Weg. „In all den 27 Jahren ist nichts passiert“, sagt Giorgio und kann es immer noch nicht glauben.

Ab Mitte der 70er Jahre baute er mit wenigen Getreuen aus der abgetakelten Studentenkneipe „Quartier des Quasimodo“ in kontinuierlicher Arbeit einen international renommierten Jazzklub auf. Viele Stars traten auf – von Miles Davis bis Marla Glen. Einige feierten ihre Partys bei Giorgio, wie Supertramp und Herbert Grönemeyer. Giorgio fotografierte sie auf der Bühne oder an der Bar und hängte die besten Aufnahmen im Klub aus. Viele davon sind jetzt für immer verloren.

Deswegen aufzuhören, kommt Giorgio nicht in den Sinn. Er sieht den Brand eher als „Chance für einen Neuanfang“. Dass er inzwischen 63 ist, stört ihn nicht weiter. Vielleicht wird er im Sommer mal wieder ein kleines Jazz-Festival veranstalten. Sowas macht er allerdings von der Kassenlage abhängig. Giorgio hat mal an der FU Betriebswirtschaft studiert und hält nicht viel von unternehmerischen Traumtänzern. Im großen Boom der 90er Jahre hätten sich viele die Finger verbrannt, weil sie dachten, das Geld liege auf der Straße. Giorgio wusste es besser. Er wollte nie mehr als seinen Club am Laufen halten und gute Musiker nach Berlin holen. Das hat er geschafft.

Schwer wird es nur, wenn er wieder in den Keller muss, um zu sichten, was noch zu retten ist. „Furchtbar“, ruft er mehrfach, zunächst ernst, dann amüsiert und respektvoll. Manchmal scheint es, als ob erst das Feuer all das abgeheftete Papier, die Programme, Werbeflyer und Zeitungsausschnitte zu einzigartigen Dokumenten zusammengeschweißt hat.

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