Berlin : Schatten auf der Gedächtniskirche

Gemeinde klagt gegen Hochhauspläne in der Nachbarschaft

Claudia Keller

Die Gemeinde der Gedächtniskirche will nicht dulden, dass ein Schatten auf sie fällt. Der Gemeindekirchenrat hat sich einen Anwalt genommen, um gegen die Hochhauspläne in der Nachbarschaft zu klagen. Denn 70 Meter westlich soll ein 118 Meter hoher Büro- und Geschäftsturm gebaut werden. Er würde die Spitze der Turmruine bei weitem überragen und dem Ensemble mit dem blau leuchtenden Kirchenraum Licht nehmen. „Wir sind sehr betrübt“, sagt Knut Soppa, der Pfarrer der Gedächtniskirche. „Die Verschattung durch das Hochhaus wäre enorm.“ Außerdem würde die Kirche architektonisch zum Zwerg.

Eine rechtskräftige Verordnung für den Hochhausbau hat die Bauverwaltung des Senats vor zwei Wochen erlassen. „Da unsere Einwände nicht beachtet wurden, haben wir einen Anwalt eingeschaltet“, sagt Soppa. Die Wahl fiel auf Eckart Wittmann, einen Kölner Anwalt, der seit Jahrzehnten Nachbarn gegen städtebauliche Vorhaben verteidigt. Er ist der Meinung, dass der Bebauungsplan den Denkmalschutz nicht genügend berücksichtigt. „Es gibt kaum einen Platz in der Republik, an dem so viel Baugeschichte zusammenkommt“, sagt Wittmann, „das kann man nicht einfach so beiseite schieben.“ Egon Eiermann, der Architekt des oktogonalen Gotteshauses habe sich genau überlegt, wann das Licht wie in die blauen Fenster falle. Wittmann hat errechnet, dass der Büroturm zum Beispiel bei der Abendandacht einen bizarren Schatten über den Altar werfen würde. „Das würde die Vorstellung von Eiermann ruinieren.“ Der Wert des Baudenkmals wäre enorm geschmälert.

Das sieht Hilmar von Lojewski von der Bauverwaltung anders. „Die Verschattung bewegt sich im erträglichen Bereich“, sagt der Abteilungsleiter für Städtebau. Ein Gutachten habe ergeben, dass der Schatten nur um den 21. Juni problematisch wäre, wenn die Sonne am höchsten steht. Der Wert der Kirche werde „nicht über Gebühr“ geschmälert.

Das Gutachten gehe von architektonisch falschen Annahmen aus, sagt Wittmann. „Man hat den Eindruck, der Verfasser war gar nicht vor Ort.“ Außerdem hat Wittmann im Bebauungsplan rechtliche Mängel gefunden. Der Anwalt hat bereits beim Bezirk Widerspruch eingelegt. Nachdem die Bauverordnung vorliegt, kann der Bauherr, die Frankfurter Casia-Immobilien-Management-GmbH, in den kommenden zwölf Monaten den Bauantrag stellen, auf den die Baugenehmigung erfolgt. Liegt sie vor, können die Bagger anrücken.

„Auch gegen die Baugenehmigung werden wir Widerspruch einlegen“, sagt Wittmann. Wird der von der Bauverwaltung abgeschmettert, werde man vor dem Verwaltungsgericht klagen. Bis über die Klage entschieden ist, vergehen Jahre, sagt Wittmann. Solange darf kein Spatenstich erfolgen. Die Firma Casia wollte am Freitag dazu nichts sagen.

„Der Denkmalschutz schützt nicht nur ein Gebäude vor seiner Zerstörung, sondern auch davor, dass es durch seine Umgebung platt gemacht wird“, sagt Wittmann und verweist auf den Kölner Dom. Die Unesco hat mit diesem Argument vor kurzem gedroht, das Baudenkmal von der Weltkulturerbe-Liste zu streichen – falls auf der anderen Rheinseite in Köln Hochhäuser gebaut werden.

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