Berlin : Schatz im Garten

05.12.2011 16:30 Uhrvon
Wiederentdeckt. Die Skulptur „Albrecht Dürer als Knabe“. Foto: Mau/American Academy
Wiederentdeckt. Die Skulptur „Albrecht Dürer als Knabe“. Foto: Mau/American Academy

Eine seit Kriegsende verschollene Dürer-Skulptur ist überraschend in Wannsee wiederaufgetaucht.

Das Selbstbildnis als 13-Jähriger gehört zu den bekanntesten Werken Albrecht Dürers. In den frühen Siebzigern des 19. Jahrhunderts inspirierte die in der Wiener Albertina aufbewahrte Zeichnung den Bildhauer Friedrich Salomon Beer zu einer „Albrecht Dürer als Knabe“ betitelten Marmorskulptur: der junge Künstler auf einem Hocker, offenbar gerade beim Zeichnen. Das Kunstwerk wurde 1887 von der Berliner Nationalgalerie erworben und galt seit Kriegsende als verschollen. Überraschend ist es jetzt wiederaufgetaucht, und noch überraschender ist: Es war gar nicht verschwunden, stand vielmehr im Garten der von der American Academy genutzten Villa Am Sandwerder 17–19 in Wannsee.

Die Skulptur war nach dem Kauf in der Alten Nationalgalerie ausgestellt worden, teilten die American Academy und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz am Montag mit. 1940 wurde sie an das Reichswirtschaftsministerium verliehen und in der Villa am Wannsee aufgestellt. Diese war Dienstwohnsitz des Wirtschaftsministers Walther Funk, der später in Nürnberg zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis 1957 aber vorzeitig entlassen wurde.

In den Wirren des Kriegsendes ging das Wissen um den Standort des Kunstwerks offenbar verloren, jedenfalls galt es seither als verschollen und findet sich auch in der Datenbank „lostart“ der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, die 1994 in Magdeburg gegründet worden war. Das scheinbare Verschwinden mag auch daran gelegen haben, dass das Haus von den Amerikanern lange als Recreation Center für Offiziere genutzt und erst 1994 freigegeben wurde. 1998 zog die Academy ein. Die Figur im Garten hat vielleicht manchen erfreut, worum genau es sich dabei handelte, ahnte niemand.

Erst 2010 fand sich ein Spezialist: Im ersten Halbjahr war der Kunsthistoriker Jeffrey Chipps Smith von der University of Texas in Austin als Fellow zu Gast in der Academy. Dem Dürer-Experten fiel auf, das die Skulptur offensichtlich durch das Dürer-Selbstporträt inspiriert war – der erste Schritt zu ihrer Identifizierung.

Derzeit wird die etwas verwitterte Figur in einer Berliner Werkstatt gereinigt, ist dann vom 23. Mai bis 2. September als Leihgabe in der Ausstellung „Der frühe Dürer“ im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen. Smith ist dort an einem Forschungsvorhaben zum selben Thema beteiligt. Danach kehrt „Albrecht Dürer als Knabe“ nach Berlin zurück, allerdings nicht in den Wannsee-Garten, sondern in ein Gebäude, über das noch nicht entschieden ist.

Erst kürzlich konnte auch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ein Werk von ihrer Verlustliste streichen: eine „Geißelung Christi“ aus dem späten 15. Jahrhundert, 1945 von britischen Soldaten aus dem Jagdschloss Grunewald gestohlen und nun über die USA ebenso überraschend zurückgekehrt.

Umfrage

Das Barbie-Dreamhouse hat am Alexanderplatz eröffnet. Werden Sie es mit Ihren Kindern besuchen?

Service

Zehlendorf Blog

Wir möchten mit Ihnen ein Experiment wagen: Unsere Zehlendorf-Seite ist online - das digitale Magazin aus dem Berliner Südwesten. Ein journalistisches Produkt zum Mitgestalten. Jeden Tag kümmern wir uns, gemeinsam mit Jugendlichen und Leser-Reportern, um die spannendsten Geschichten aus dem Stadtteil, um lokale Politik und das Lebensgefühl der Menschen.
Der Zehlendorf Blog - das neue hyperlokale Online-Magazin

Entdecken Sie Berlin


Wo sind die besten Cafés der Stadt zu finden? Wo die besten Spielplätze? Oder wie finde ich die interessantesten Museen und Theater?
Mit der neuen Best-of-Berlin-App können Sie spielend Berlin entdecken.

Der Stadtleben-Blog

In Berlin kommt man nicht zur Ruhe. Zum Glück. Hier bloggen vier Tagesspiegel-Autoren über Kultur, Szene und Nachtleben der Stadt.
Berichte aus einer lauten Stadt

Nachrichten aus den Bezirken

Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
Diskutieren Sie mit!

Weitere Themen

Willkommen im Tagesspiegel

In unserem Verlagsgebäude finden Lesungen und Salons, Konzerte, Vorträge und Seminare für Leserinnen und Leser statt, zu denen wir Sie herzlich einladen.
Das Stadtmagazin des Tagesspiegels.

Tagesspiegel-Spendenaktion

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...