Berlin : Schatzkammer der deutschen Geschichte

Nur noch wenige Tage, dann wird das Geheimnis um die neue Ausstellung im Zeughaus gelüftet

Lothar Heinke

Endlich! Der Hort deutscher Geschichte, die Trutzburg, die unsere Historie bewahrt, Berlins ältester und schönster Barockbau, die Perle Unter den Linden: Das Deutsche Historische Museum feiert im Zeughaus so etwas wie seine Wiederauferstehung. Nach sieben Jahren Umbau innen und außen wird am 2. Juni die neue Dauerausstellung mit Bildern und Zeugnissen aus zwei Jahrtausenden Geschichte in Deutschland feierlich von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet. Zu Pfingsten darf das Publikum kommen, sehen und vielleicht auch staunen: In zwei Geschossen, auf einer Fläche von über 7500 Quadratmetern, wird es 8000 Ausstellungsstücke geben – früher waren es 2000. „Vor ein paar Tagen ist die letzte der 400 Vitrinen geliefert worden, 95 Prozent der Objekte sind an ihrem Ort – ab 3. Juni laden wir jeden in diese großartige Schau, großartig jedenfalls vom Volumen her“, sagt Generaldirektor Hans Ottomeyer.

Es ist alles sehr geheimnisvoll. Was jahrelang von sieben Kuratoren geplant wurde, um es uns auf modernste Weise zu präsentieren, soll nicht zerredet werden, bevor das Band durchschnitten und die deutsche Geschichte vom Jahre 1 bis in unsere Gegenwart durchschritten ist. „Es ist die Geschichte vieler Regionen, Territorien, Staaten und Bundesstaaten, die durch die gemeinsame deutsche Sprache verbunden sind“, sagt Hans Ottomeyer. „Binnen 100 Jahren folgten ein Kaiserreich, eine Republik, ein Nationalstaat, 16 Bundesländer und zwei deutsche Staaten aufeinander. Dies lässt sich nur durch Strukturen der Gegenüberstellung, des Verweisens, mit scharfen Brüchen und langen Perspektiven ansatzweise aufzeigen und in seiner Widersprüchlichkeit verdeutlichen“. Der Betrachter soll erfahren, wie aus Hass Krieg wurde, welche Strategien zum Frieden führen, wie Wohlstand entsteht oder wie er wieder vertan wird.

8000 Schaustücke! Hat der Generaldirektor besondere Vorlieben? „Da bin ich gespalten“, gesteht Hans Ottomeyer, „auf der einen Seite haben wir anrührende persönliche Zeugnisse wie jene Briefe, die aus tiefster Not in den KZ des Dritten Reiches geschrieben wurden, auf der anderen Seite sehe ich immer wieder mit Erstaunen, was für unglaubliche Objekte das Museum verwahrt. Hier ist alles versammelt: die Armbrust Kaiser Maximilians, das Morgenkleid von Königin Luise, der schmutzige und zerfetzte Uniformrock Friedrichs des Großen, seine Handschuhe mit abgeschnittenen Fingern, damit er besser schreiben und Schnupftabak nehmen konnte, der Schreibtisch Hitlers und unser Grundgesetz mit der Widmung von Adenauer.“

Für den Start in die deutsche Geschichte steigen wir zuerst über die breiten Marmorstufen ins Obergeschoss. Hier begegnen uns zunächst die Kelten, und dann beginnt die Geschichtsstunde in fünf Epochen: bis zum Mittelalter, dann Reformation und Dreißigjähriger Krieg, die Zeit bis 1789, die französische Revolution bis zum deutschen Reich von 1871 und der Weg in den Ersten Weltkrieg. Bemerkenswerte Zeitzeugen, die wir beim Rundgang treffen, sind alte Münzen, eine westgotische Adlerfibel, Stiche, Gemälde, Waffen, Harnische, Lucas Cranachs Martin-Luther-Porträt von 1539, das Modell einer 12-pfündigen Kanone von 1759 und dann schon eine Bockdampfmaschine anno 1847 und ein Automobil vom Jahrgang 1898. Das Ende des Ersten Weltkriegs beschließt den Rundgang, zur Fortsetzung und zu den weiteren „Epochenbereichen“ geht es die Treppe hinunter in den Ostflügel des Erdgeschosses mit den Stationen Weimarer Republik, Hitler-Zeit und Zweiter Weltkrieg, schließlich kommen uns die Jahre nach 1945 immer näher, bis zum letzten Kapitel im Zeughaus-Geschichtsbuch, der Zeit von 1949 bis zur Wiedervereinigung. Transparente erinnern an die friedliche Revolution in der DDR, der 2+4-Vertrag an den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990.

Am 31. Dezember 1998 war die Vorgänger-Ausstellung geschlossen worden, danach begann die Modernisierung des 300 Jahre alten Zeughauses. Nun gliedern Pfeiler die knapp sieben Meter hohen Räume in weitläufige dreischiffige Hallen. Modernste Technik und eine steuerbare Klimaanlage wurden eingebaut, unsichtbar im Besuchertrubel; das Haus ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet vier Euro, Jugendliche unter 18 zahlen nichts. „Eigentlich sind wir zwei Museen“, sagt der Generaldirektor, „auf der einen Seite das Museum der authentischen, originalen Zeugnisse, und auf der anderen Seite das elektrische und elektronische Museum, das es möglich macht, vertiefende Kommentare abzufragen, Bücher, die sonst in Tresoren liegen, hin und zurück zu blättern.“ Pressechef Rudolf Trabold macht den Appetit noch größer, wenn er vorhersagt, dass die Ausstellung auch durch ihre innovative Ausstellungspraxis und -didaktik Aufsehen erregen wird. Die Schau ist „ein begehbares System der Beziehungen und Erinnerungen an gute wie an schlimme Zeiten“.

Die Ausstellungsstücke hängen und liegen noch hinter verschlossenen Türen. In der Eingangshalle warten indes schon zwei Vorboten der neuen Ära: Bismarck, sitzend und sinnend, und Lenin, überlebensgroß, die Faust in der Tasche. Die Herren gucken aneinander vorbei.

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