Berlin : Schauen, schätzen, stoppen

Wer nicht Schritt-Tempo fährt, zahlt 15 Euro: Wie die Polizei im verkehrsberuhigten Bereich kontrolliert

Stefan Jacobs

Die Frau im grauen Jetta schaut zu den Polizisten wie das Kaninchen auf die Schlange. Aber sie bremst nicht. Das Messgerät von Polizeimeister André Schulz zeigt 17 km/h. Per Funk kündigt er seinen Kollegen das Auto an. Gleich wird die Frau um 15 Euro ärmer und um eine Erkenntnis reicher sein: In Spielstraßen gilt Tempo sieben – und nebenbei kann hier Tempo 10 geübt werden, das bisher nur auf dem Pariser Platz gilt, aber bald auch in der Spandauer Vorstadt in Mitte.

Zu fünft haben sich die Beamten vom Charlottenburger Abschnitt 28 auf den kurzen Weg in die Knobelsdorffstraße, eine der ältesten Berliner Spielstraßen, gemacht: Tempokontrolle im verkehrsberuhigten Viertel. Sie stellen sich einfach gut sichtbar an die Straße. Eigentlich bräuchten sie nicht einmal ihre „Speed Gun“ aus dem Koffer zu holen, denn Schritttempo lässt sich schätzen, und angehalten wird nur, wer mehr als doppelt so schnell fährt. Bei Daumenpeilung oder der nicht geeichten „Speed Gun“ ist nur die Mindeststrafe fällig. Ein erzieherisches Gespräch mit Polizeikommissar Frank Perkams, der eine Ecke weiter wartet, gibt’s gratis dazu.

Die Wissbegier der sündigen Autofahrer ist mäßig. Eine junge Krankenpflegerin starrt wortlos auf die Armaturen ihres Fiats. Dass ihr Tacho sieben km/h nicht anzeigen kann, fällt ihr nicht auf. Aber dem Taxifahrer, den Schulz als nächsten durchgefunkt hat. „Dann müssen Sie sich eben an den Fußgängern orientieren“, sagt Perkams und begutachtet die Fahrzeugpapiere. Der Fahrer wird laut: „Ich muss weiter, mein Fahrgast hat’s eilig!“ Perkams überhört die Bemerkung. Er kennt ohnehin alle Ausreden, und aus dem Funkgerät knarzt schon die Autonummer des nächsten Sünders. Ein roter Opel mit 18 km/h. „Wissen Sie, wie schnell man im verkehrsberuhigten Bereich fahren darf?“, fragt Perkams. Ein zaghaftes „20“ kommt zurück; eher eine Gegenfrage als eine Antwort. Falsch, macht 15 Euro. „Bitte achten Sie in Zukunft auf die Schrittgeschwindigkeit“, sagt Perkams.

„Viele wissen es wirklich nicht“, sagen die Polizisten. Aber Ahnungslosigkeit hilft ebenso wenig wie Ausreden. Beliebt sind: „Ich darf doch 30“, „das ging doch noch“, „hatte es eilig“ und „ach, Vater Staat braucht Geld“. Bei Senioren ist auch der Verweis auf mindestens 40 unfallfreie Jahre beliebt – gefolgt vom Schwur, man habe sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen. Aber auf Gnade hoffen kann höchstens, wer mit fieberrotem Kind im Fond arztwärts braust.

Nach einer knappen Stunde sind 120 Euro in der Kasse. „Das ist ja wohl keine Abzocke“, sagen die Beamten, steigen wieder in ihren VW-Bus und schleichen zurück zur Wache.

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