Berlin : Schaufenstergestaltung unter dem Motto "Wollust und Keuschheit"

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In den Schaufenstern an der Tauentzienstraße präsentieren sich seit gestern die Schaufensterpuppen in ungewöhnlichen Posen: auf dem Boden kriechend, zusammengesunken, eine Puppe zerreißt sogar ihr Kleid. Bis zum 3. Oktober hat das KaDeWe die zehn Fenster einer jungen Modedesigner-Werkstatt überlassen, für deren Ausstellung "Tugend und Laster".

In zehn Bildern haben die beiden Designer Maren Lass und Hans-Georg Krampe Charakterzüge wie Keuschheit, Wollust, Hoffart und Tapferkeit in Szene gesetzt: jedes der im Renaissance-Stil gearbeiteten, farbenprächtigen Kostüme wurde den Puppen direkt auf den Leib geschneidert. Frühneuhochdeutsche Textzitate aus Sinnsprüchen und Hausratsbüchern ergänzen die Charakterthemen. "Wir haben gut ein Jahr an dem Projekt gearbeitet, uns sind die Puppen so vertraut geworden, dass wir ihnen Vornamen gegeben haben", erzählt Krampe. "Klaus" und "Margaretha" heißen die beiden im ersten Schaufenster: In schlichter dunkelgrüner Wolle, Seide und Organza stehen sie da, blicken sich nicht an. Krampe: "Hier geht es um die Mäßigkeit, die Fähigkeit, Maß zu halten und die ist mir am liebsten, weil sie so schwer durchzuhalten ist."

Lass und Krampe sind Absolventen der Kunsthochschule Weißensee und Schüler von Vivienne Westwood. Seit drei Jahren arbeiten sie als freies Designer-Duo in Berlin, ihre Aufträge bestehen zumeist darin, das Styling und die Ausstattung für Musikvideos zu übernehmen. Noch nie habe sie vorher die Chance gehabt, mit so teuren Materialien umzugehen, sagt Maren Lass. "Das sind Preise von bis zu 1000 Mark pro Meter, das könnte ich mir nicht leisten!" Gestiftet wurden die Stoffe von bekannten Textilfirmen, das KaDeWe hatte den Kontakt hergestellt.

"Für uns ist es das erste Mal, dass wir eine Auftragsarbeit vergeben haben, die Kunst und Kommerz verbinden will", sagte KaDeWe-Geschäftsführer Ulrich Schmidt gestern. Damit solle die Stoffabteilung wieder mehr in den Vordergrund rücken, die in den 50er und 60er Jahren einen Großteil des Umsatzes ausmachte, heute aber eher "eine Spezialabteilung für Individualisten" sei.

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