Berlin : Schaum auf der Scheibe

Die Methoden vieler Fensterputzer werden aggressiver. Die Polizei ist weitgehend machtlos.

Thomas Loy

Das Warnsignal ist die erhobene Spritzpistole. Es bedeutet: Gleich bist du dran! Der Mann im Fiesta schüttelt den Kopf sehr deutlich, aber das reicht nicht. Die Spritzpistole schießt einen Strahl Seifenlösung auf seine Windschutzscheibe, ein Schwamm verwischt die klare Sicht. Die Dienstleistung ist erbracht, eine aufgehaltene Hand erscheint am Seitenfenster um abzukassieren.

Das Scheibenwischen vor roten Ampeln war bislang eine Domäne Berliner Punks, jetzt haben osteuropäische Familien das halblegale Straßengewerbe entdeckt. Am Kottbusser Tor stehen drei junge Frauen, fast noch Mädchen, in langen Röcken und T-Shirts, später kommt noch ein Junge hinzu, vielleicht 12 Jahre alt. Mit ihnen zu reden ist schwierig. Deutsch oder Englisch verstehen sie angeblich nicht. Wo sie herkommen? „Romania“. Wo sie wohnen? „Kreuzberg“ Für diese erschöpfenden Informationen kassieren sie einen Euro.

Das Scheibenwischen wird den meisten Autofahrern aufgedrängt. Nur wer laut schimpft oder aufgeregt gestikultiert, hat eine Chance, die Putzfrauen umzustimmen. Einige Autofahrer stellen während der Reinigung die Scheibenwischer an – das beendet den unerwünschten Deal sehr effektiv. Für unterkühlte Charaktere bietet es sich an, das Putzen einfach geschehen zu lassen und die aufgehaltene Hand zu ignorieren. Viele Scheibenwischer reagieren dann mit einem leisen Fluchen. Es soll aber auch schon zu Drohungen gekommen sein. Anzeigen liegen der Polizei allerdings nicht vor. „Wir haben nur eine Handhabe, wenn sich jemand vor das Auto stellt“, sagt Polizeisprecher Stefan Yongsing-yu. Das wäre dann ein „Eingriff in den Straßenverkehr“. Das Material für ihre Arbeit besorgen sich viele Scheibenwischer auf Tankstellen – ohne zu bezahlen, vermutet Yongsing-yu. Wo sie das Wasser herbekommen, darüber möchte er nicht spekulieren.

Ein Volvo-Fahrer findet das nötige Kleingeld nicht, um die Putzfrau zu bezahlen. Die Ampel ist längst grün, ein Stau hat sich gebildet, die ersten hupen, aber das Scheibenwischer-Mädchen hält geduldig die Hand auf. Einen Kilometer weiter östlich, an der Kreuzung Skalitzer Straße/Wrangelstraße macht ein polnisches Putzteam gerade eine Zigarettenpause. Sie seien aus Ostpolen und würden nur versuchen, ein wenig Geld zu verdienen, sagt Karolina. Sie ist geschätzte 25, trägt eine große undurchsichtige Sonnenbrille, schwarzes Top, Adidas-Schuhe und einen Nietengürtel – „alles hier gefunden“, erklärt sie und zeigt auf einen Kleidersammel-Container. Das Scheibenwischen will sie nur so lange machen, bis sie einen neuen Job als Barkeeperin gefunden hat. „Ich hasse das.“ Dann zieht sie ihren Fensterputzer aus einer Plastiktüte um weiterzumachen.

Und die Punks? „Die stehen jetzt am Halleschen Tor.“ Von Territorialkämpfen zwischen den Scheibenwischer-Gruppen will Karolina noch nichts bemerkt haben. An großen Kreuzungen mit langen Rotphasen herrscht in Berlin kein Mangel. So stehen die Fensterputzer an der Kreuzung Lindenstraße/Gitschiner Straße, am Linksabbieger von der Elsenbrücke auf die Stralauer Allee oder auf dem Mehringdamm. Das Gewerbe ist sehr wetterabhängig. An den heißen schwülen Tagen mit blütenstaubverklebten Autoscheiben läuft es besonders gut.Thomas Loy

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