Schauplatz Berlin (Auflösung 10) : Der feurige Greis

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2820 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer zehnten Folge.

Noch im letzten Lebensjahrzehnt wirkt der Mittachtziger verblüffend frisch und gibt, wie man in seiner Familie formuliert, „Zeugnisse einer wunderbaren Jungfräulichkeit des Lebensgefühls und der Weltanschauung“. Wenn er im Nebenzimmer mit neuen Klaviernoten kämpft, lässt sein Sohn gern die Besucher das Alter des Musikanten nebenan schätzen, als Antwort kommt die Vermutung: „Der muss jung und feurig sein.“ Wilhelm Foerster selbst verkündet „Das Alter ist die Jugend des Lebens“. 82jährig bricht er, begleitet von seinem dritten Sohn, mit dem Dampfer  „Vaterland“, an dessen Bau der Schiffskonstrukteur Ernst Foerster beteiligt war, erstmals in die Neue Welt auf, genießt  die Überfahrt wie Bolle, gibt den Bordpianisten, hält für die Offiziere astronomische Vorträge, läßt sich in New York von reizenden Amerikanerinnen abküssen und kehrt kurz vor Kriegsausbruch, als sei er  für einen Spaziergang unterwegs gewesen, aus dem „grandiosen Verjüngungs-Tiegel“ (so bezeichnet er selbst die Unternehmung) nach Hause zurück. Die erwartungsfroh angegangene Begegnung mit einer Jugendliebe, zwei Jahre vor seinem Tod, verstört ihn allerdings: „Ist ja ein ganz altes Mütterchen geworden.“ Er hatte sie sechzig Jahre nicht mehr gesehen.

Gelungen sind dem am 16. Dezember vor 180 Jahren im schlesischen Grünberg geborenen Gelehrten viele Projekte, bei denen es um die Vermessung der Welt, um Eichung von Messgeräten, Durchsetzung von Maßeinheiten und vor allem, wie bei der Gründung der erfolgreichen astronomischen Gesellschaft Urania, um spannende, populäre Wissenschaftsvermittlung geht. Sein Friedens-Engagement allerdings, das sich gleichermaßen gegen den wachsenden Nationalismus im Lande richtet, macht ihn beim preußischen Establishment unbeliebt; den Weltkriegs-Ausbruch zu stoppen, ist ihm und seinen Gesinnungsgenossen erst recht nicht gelungen. Scheitern wird auch sein langjähriger Versuch, Kirchen in Ost und West, trotz unterschiedlicher Kalendertradition, bei der Fixierung des Osterfesttermins auf ein gemeinsames Datum einzuschwören. Obgleich dem „antimetaphysischen“ Professor wegen seiner Nähe zu Freidenkern Atheismus unterstellt wird, verhandelt er über 15 Jahre lang mit interessierten vatikanischen und ostkirchlichen Gelehrten, preußischen Behörden, Kirchenführern in Bulgarien und dem dortigen Zaren, Bischöfen und Wirtschaftsführern in Deutschland. Die Scheuklappen der Nationen und Konfessionen verhindern den erstrebten, völkerverbindenden Termin-Konsens.

Das Backsteinhaus nahe dem heutigen Theodor-Heussplatz (Westend), an dessen Mauer  – vom Vorgartenzaun aus gerade noch zu entziffern – seine Gedenktafel in der Ahornallee 32 hängt, wurde offenbar mehrfach repariert, aufgestockt. In dieser ruhigen Straße stehen rundherum kriegsbedingt nicht mehr so viele Altbauten, aber noch nostalgische Gaslaternen. Dieser Tage wäre ein runder Geburtstag für ihn zu feiern gewesen – doch so alt ist ja dann nicht mal er, der agile Senior, geworden. Hier war sein vorletzter Wohnsitz, bis sein neuntes Jahrzehnt anbrach, am 18. Januar 1921 ist der Sternkundige in Potsdam gestorben.

Die nächste Folge von Schauplatz Berlin erscheint am kommenden Sonntag im gedruckten Tagesspiegel

 

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