Schauplatz Berlin (Auflösung 16) : Tempelgrotte der Moderne

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2833 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer sechzehnten Folge.

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Die Gedenktafel für den Titania-Palast befindet sich am Gebäude selbst, Schloßstraße 4 (Steglitz).
Die Gedenktafel für den Titania-Palast befindet sich am Gebäude selbst, Schloßstraße 4 (Steglitz).Foto: OTFW, Berlin / Wikipedia.org

 

Nach 175 Arbeitstagen ist es geschafft. Auf einem Volksfestgelände von 2700 Quadratmetern, gelegen an der Grenze zwischen Steglitz und Friedenau, wurden 7600 Kubikmeter Erde ausgehoben, eine Million Ziegel, 240000 Kilo Eisen, 1700 Kubikmeter Stampf- und 210 Kubikmeter Eisenbeton verbaut. Die Masse der Materialien und das Tempo des Unternehmens beeindrucken Zeitgenossen ebenso wie die konsequent moderne Architektur des neuen Groß-Kinos, sein Kontrast zum Umfeld wilhelminischer Schnörkelhäuser. Wo seine Gebäude-Flügel zusammentreffen, ragt ein klotzartiger Turm empor, daneben ein höherer Leuchte-Turm. 3500 Lampen dienen der Lichtarchitektur, die Energie dafür liefert im Hof eine Transformatorenstation. Die Filmwoche schreibt: „Der schlanke Turm, der sich wie ein Florett in die Luft bohrt, weist nicht weniger als 27 leuchtende Gesimse, sogenannte Leuchtringe auf; scharf und kantig folgen die Lichtstreifen den kubistischen Konturen des Bauwerks." Die Fassade ist radikal schlicht, rhythmisch gegliedert. Im Gegensatz zur kargen kantigen Außenhülle dominieren das prächtige Intereur des Titania-Palastes fließende Linien, Wölbungen, Bögen, Muschel-Formen und Kreise. Wasmuths Montshefte für Baukunst meckern ein bisschen: „Innen wird mit noch überschwenglicheren Lichtwirkungen gearbeitet als außen: Das Licht überstrahlt das Grellrot und das vielfach abgestufte Gold bis zur Ermüdung der Augen." Dagegen teilt der Steglitzer Anzeiger die Begeisterung des Publikums, das am 26. Januar 1928 der glamourösen Eröffnung beiwohnt: „Man hat innenarchitektonisch einen Rhythmus der Linien und Farben geschaffen, der eine Berliner Sehenswürdigkeit darstellt … Wenn der für 2000 Besucher bestimmte Zuschauerraum in ein diffuses, milchig-silbriges Licht getaucht ist, wenn der Bühnenraum mit seinen mächtigen Umrahmungsvouten zu einer geheimnisvollen Grotte wird, dann ist das ein selten starker, phantastisch-reizvoller Eindruck."

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den das seinerzeit auch für Vorführungen von NS-Propaganda gern genutzte Baudenkmal ziemlich unbeschadet übersteht, finden in dem Lichtspielhaus historische Ereignisse statt: das erste Friedenskonzert der Berliner Philharmoniker; die Gründung der Freien Universität und die ersten Filmfestspiele. Später geht, angesichts wachsender Bewirtschaftungsprobleme, das Nutzungsspektrum des Kulturzentrums von der Operette bis zur Strip-Show. Ein Innenumbau verwischt das ästhetische Konzept der Einrichtung. Der in den 1960er Jahren geplante Abriss wird zwar abgewendet, beim zweiten Umbau zieht man dann sogar Zwischendecken ein, die innere Struktur ist verloren. Heute prägen zwei Textilketten, ein Lebensmitteldiscounter und ein Kino die Erscheinung der Immobilie. Ihre avantgardistische Front kann man noch einigermaßen erkennen, sie wird allerdings durch Schaufenster und Reklame überformt. Dazwischen hängt die Gedenktafel.

Die nächste Folge von Schauplatz Berlin erscheint am kommenden Sonntag im gedruckten Tagesspiegel

 

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