Schauplatz Berlin (Auflösung 19) : Der Vater süßer Träume

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2846 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer neunzehnten Folge.

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Die  Gedenktafel für den Filmpionier Max Skladanowsky  steht vor seinem langjährigen Wohnhaus Waldowstraße 28 (Niederschönhausen).
Die  Gedenktafel für den Filmpionier Max Skladanowsky  steht vor seinem langjährigen Wohnhaus Waldowstraße 28 (Niederschönhausen).Foto: OTFW, Berlin / Wikipedia.org

Später, als er berühmt war, hat er sich an die Auftritte mit seinem Erzeuger so erinnert, als sei ihm selbst in jenen frühen Tingeltangeltagen die kommende Erfindung schon vorgeschwebt. Sein Vater, Carl Theodor Skladanowsky, ein gelernter Glaser und Vergolder, eröffnete 1855 in der Alexandrinenstraße eine kleine Fabrik für Steinpappe: Das ist Kreide mit Knochenleim, der –  in Gipsformen gegossen –  als Stuckimitat dient. Der erste Sohn, Arthur besucht das Gymnasium und stirbt mit 17. Der zweite, Eugen,  macht als Akrobat und Clown Zirkus-Karriere. Nach dem Gründerzeit-Crash geht der Stuck-Boom zurück, die Fabrik schwächelt. Der dritte Sohn, Max, geboren Anno 1863, lernt Fotografieren und Glasmalerei. Vater Carl tingelt, als seine Fabrik pleite ist, mit einer Laterna Magica durch Berliner Unterhaltungs- Locations; in der Flora, dem späteren Apollotheater, fängt er damit an. Er zeigt „Nebelbilder“, hält Vorträge, zum Beispiel über Planeten und exotische Kolonien. Sein Sohn Max bedient für ihn die Technik, simuliert optische Bewegungen durch Verschieben, Auswechseln, Überblenden von Glasplatten. Ein Zug rast über eine Brücke. Ein Kellner serviert einen Schweinskopf. Ein Mensch mit Schweinskopf serviert ein Kellnerhaupt. Hinzu kommen Wasser- und Pyro-Effekte. Manchmal sind acht Projektoren zugleich im Einsatz. Max und sein jüngerer Bruder Emil übernehmen schließlich Vaters Show-Geschäft. Mit einem mechanischen, gemalten Schaubild, vier mal fünf Meter groß, gastieren sie als „Gebrüder Hamilton“ in Wien, Budapest und vielen skandinavischen Städten.

„Vom Morgenlicht umflossen zeigt sich uns das Straßenleben in allen seinen Begebenheiten,“ heißt es in ihrem Werbeprospekt. „Ueber die Bühne schreiten wunderbare Gestalten … Die Wanddecoration setzt sich in Bewegung, die Gebirgswelt umfängt den Zuschauer. Ein Maler schlägt vor unseren Blicken seine Staffelei auf und conterfeit die herrliche Landschaft … Blitze durchzucken die finstere Wolkenwand … in Trümmern liegt das stolze Schiff, ein Opfer der entfesselten Elemente, langsam versinkt das Wrack … Im Morgennebel breitet sich New York mit der Riesenbrücke vor unseren erstaunten Augen aus.“

Vier Jahre später entwickeln Max und Emil ihren Trickzauber mit Fotografien noch eine Drehung realistischer weiter – und erzielen jenen bahnbrechenden Effekt, der mit ihrem Bioscop am 1. November 1895 im Wintergarten Theater vorgeführt wird. Woraus letztlich wiederum der Kintopp als solcher und die Berlinale, Berlins größtes Festival, entstanden sind.  In der ersten Hälfte der 1930er Jahre werden deutsche und französische Historiker allerdings miteinander Streiten, ob wirklich das Berliner Brüderpaar oder eher die Gebrüder Lumiere als Erfinder der Kinematographie zu betrachten sind. Die Gedenktafel für Max Skladanowsky steht an der kleinen und sehr ruhigen Waldowstraße 28 in Niederschönhausen auf einer Stange: vor einer historischen Hausfassade. Auf der filmkulissengleichen Front des Ziegelgebäudes, das sich hinter der Fassade als banaler Neubau fortsetzt, ist vor lauter Stuckverzierung für die Tafel gar kein Platz.  Hier hat der „Vater der süßen Träume“, wie ihn kurz vor seinem Tod im Jahr 1939 noch die Japaner genannt haben, seine letzten 31 Lebensjahre gewohnt.

Die nächste Folge von Schauplatz Berlin erscheint am kommenden Sonntag im gedruckten Tagesspiegel.

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