Schauplatz Berlin (Auflösung 26) : Die Reinmachefrau

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2861 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer sechsundzwanzigsten Folge.

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Die  Gedenktafel für Minna Fritsch (gest. 1946)  hängt am Nachfolgebau ihres ehemaligen Wohnhauses in der Wassertorstraße 53 (Kreuzberg)
Die  Gedenktafel für Minna Fritsch (gest. 1946)  hängt am Nachfolgebau ihres ehemaligen Wohnhauses in der Wassertorstraße 53...Foto: OTFW, Berlin / Wikipedia.org

Woher hat Minna Fritsch so klar gewusst, wer die Guten, wer die Bösen sind? Was gab ihr, gegen den Strom, die Energie, so zu handeln? Religion ist eher nicht ihr Kompass gewesen. KPD-Mitglied war sie, trotzdem trägt in Pankow das katholische „Haus Minna Fritsch“ für Jugendliche ihren Namen. Die Mietskaserne im Kreuzberger Arbeiterkiez, wo sie damals in einem anderen Teil der Stadt ihre Wohnung hatte, steht heute nicht mehr. An dem Nachfolgebau, einem gelb und blau verputzten Mietshaus, hängt seit 1987 ihre Gedenktafel: eine Kupferplatte mit ihrem vierschrötigen Porträtrelief. Rundum ähnliche Mietskästen, mit und ohne Balkon. Schräg gegenüber in der Straßenfront die neugotische evangelische Backsteinkirche St. Simeon vom Ende des 19. Jahrhunderts. Vor der Fassade zwei Statuen – die Prophetin Hanna mit Buch, der prophetische Greis Simeon mit dem Säugling Jesus.

Wenige Fakten sind über Minna Fritsch bekannt geworden. Mit Putzen und Waschen hat die Alleinerziehende ihre beiden Kinder und sich durchgebracht. Im Frühjahr 1933 wird sie zweimal verhaftet und vorbei an der belebten Umgebung eines kleinen Wochenmarktes zu einem Kasernenkomplex an der Tempelhofer Papestraße transportiert, der bis dahin zeitweise als Offiziercasino und Militärverwaltungsamt genutzt worden war. Jetzt dienen die Keller des Gebäudes der SA-Feldpolizei als Gefängnis, Verhöre finden im Erdgeschoss statt. Sie wird gefoltert. 1936 schicken ihre Genossen sie nach Prag. Bei lebensgefährlichen Kurierfahrten für das Exilkomitee der deutschen Kommunisten transportiert sie Info-Material zur Widerlegung der NS-Propaganda, überquert  vierzigmal die Grenze ins „Dritte Reich“. Als die Tschechoslowakei besetzt wird, flieht sie nach England, wird dort von den Behörden als „enemy alien“ auf der Isle of Man in der Irischen See interniert. In diesem Lager sind britisch-faschistische Antisemiten mit deutschen Politaktivisten und jüdischen Emigranten zu Tausenden zusammengesperrt. Man versucht, irgendwie, sich die angespannte Zwangsgemeinschaft durch Kulturprogramme und Selbstverwaltung erträglich zu gestalten.         

Aber was passiert währenddessen im Deutschland der nationalsozialistischen Erziehungsprogramme mit ihren Kindern? Nach zwei Jahren darf sie das Internierungs-Camp verlassen, nun engagiert sie sich in Exilorganisationen. Keine Chance, persönliche Nachrichten aus dem „Dritten Reich“ zu erhalten. Vier weitere Weltkriegs-Jahre vergehen. Die beantragte Rückreisegenehmigung nach Berlin ist  noch nicht bei ihr angekommen, als sie 1946 in London stirbt. Herzinfarkt.

 

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