Schauplatz Berlin (Auflösung 3) : Der Schwerpunkt Berolinas

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2820 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer dritten Folge.

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Die Gedenktafel für den Flächenschwerpunkt Berlins an der Alexandrinenstraße 12 – 14 (Kreuzberg). Foto: Lotse / Wikipedia
Die Gedenktafel für den Flächenschwerpunkt Berlins an der Alexandrinenstraße 12 – 14 (Kreuzberg).Foto: Lotse / Wikipedia

Alte Damen gibt es heute nicht mehr, weiß der Volksmund: Die, die man trifft, die sind von früher. Das darf man von ihr auch so sagen. Berlin hat mittlerweile mehr  Jahre auf dem Buckel als die Mannschaften von Hertha und Union zusammen, steht aber nicht selbst im Focus unserer heutigen Recherche. Gesucht ist allerdings nicht das Herz der Berolina, aber: ihr eigentliches Zentrum. Da sie eine Seniorin mit Erfahrung ist, hätten wir gedacht, sie weiß, wo das liegt. Nachgesagt wird ihr, sie habe eine gefühlte Mitte hüben und eine gefühlte drüben. Vor Jahren war sogar die Rede von ihrer neuen Mitte überhaupt, wo damals echt die Post abging (doch ist das schon länger her, wie manches an ihrer Geschichte).

Tatsächlich war die Post für sie vormals ganz woanders abgegangen. Eine kantige Säule mit Spitze markierte ab 1730 ihren offiziellen Nullpunkt Zero am späteren Dönhoffplatz, von dem aus alle Poststraßen Preußens zu vermessen waren; 1979 wurde dieser Obelisk rekonstruiert. Aber weder dort scheint sie ganz in sich zu ruhen, noch finden wir den Bestimmungspunkt ihrer innersten Koordinate ein paar Meter östlich, an der Schnittstelle Leipziger Straße / Seydelstraße, von wo seit 1991 die Distanzen zu anderen Kommunen berechnet werden. Oder wäre etwa der Fahnenmast auf dem Regierungssitz ihres aktuellen Landesherrn, an dem sich die Karten-Vermesser orientieren, der gültige Nabel ihrer sich wandelnden Persönlichkeit?   

Es gibt eben, abgesehen von den nur gefühlten Zentren, offenbar insgesamt viermal den Mittelpunkt von Berlin.

Die gesprenkelte Steintafel, nach der wir anlässlich des 775. Geburtstags Ausschau halten, liegt seit 1996 in einer Kreuzberger Grünanlage mit Platanen- und Birken-Allee auf vier eckigen Granitsäulchen. Hinter den Büschen am Wege Sportplätze, auf  der anderen  Straßenseite Neubauwohnungen. Da wir uns in Preußen befinden, warnt eine weitere Anzeige: „Betreten bei Schnee und Glätte auf eigene Gefahr“. Schräg gegenüber gibt es eine Schule. Leicht übersehbar eingelassen im Asphalt ist eine runde Metallscheibe mit der Inschrift „MESSUNGSPUNKT“. Auf eben diese Scheibe verweist unterm Halbdunkel der Büsche und Laubbäume die Aufschrift der Granitplatte: „Hier befindet sich der Mittelpunkt Berlins. Flächenschwerpunkt in den Grenzen von 1996.“ Es folgen die Breiten- und Längengrade und der Urheber: Vermessungsamt Kreuzberg in Zusammenarbeit mit der Steinmetz- und Bildhauer-Innung Berlin. Ermittelt wurde dieser Ort per Computer. Doch wer das Verfahren analog nachvollziehen möchte, stelle sich das so vor: Unsere in die Breite gegangene Jubilarin Berolina liegt wie ein unregelmäßig geschnittenes Brett auf einem sehr dünnen Gegenstand – und genau da, wo sie sich perfekt in der Waage hält, findet sie ihren ganz persönlichen Schwerpunkt. Und ist hier vermutlich endlich ganz bei sich.

Die nächste Folge von Schauplatz Berlin erscheint am kommenden Sonntag im gedruckten Tagesspiegel.

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