Schauplatz Berlin (Auflösung 4) : Die Stehauf-Frau

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2820 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer vierten Folge.

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Die Gedenktafel für Hildegard Knef an der Leberstraße 33 (Schöneberg). Das Bild darf unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation verwendet werden.
Die Gedenktafel für Hildegard Knef an der Leberstraße 33 (Schöneberg). Das Bild darf unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation...Foto: OTFW Berlin / Wikipedia.de

Der Sisiphus-Alptraum, von dem sie in „Das Urteil“ (1975), dem Buch über ihre Krebs-Erkrankung,  berichtet, geht so: Eine alte Frau hockt im engen dunklen Zimmer unter einer hohen Fensterbank. Ihr Kopf sitzt lose auf dem Rumpf, rollt ohne Blutverlust zu Boden. Sie strengt sich an, ihn aufzuheben, tastet sich durch den Raum, findet ihn, setzt ihn auf das Loch zwischen den Schultern – doch bei der kleinsten Bewegung droht er, herunterzukullern. Als sie das selber aufschreibt, ist sie nicht wirklich alt, hat aber viele Operationen, Karrieren, den Weltuntergang von 1945, anderthalb Ehen hinter sich. Ein paar Jahre später, in ihrem nächsten Buch (1978), wird sie dann Interviews mit Prominenten über parapsychologische Phänomene führen. „Auf unserem Planeten – durch den Weltraum jagend – sind wir ständig kosmischen Kräften ausgesetzt,“ behauptet sie im Vorwort. „Ebenso beständig ist die Sehnsucht nach dem Wunderbaren.“

Als sie noch kein Jahr alt war, ist die Mutter damals, 1926,  mit ihr aus Ulm nach Berlin gezogen: in die schmale Schöneberger Leberstraße, wo an ihrem ersten Berliner Wohnhaus (Nr. 33) seit 2006 ihre Gedenktafel hängt. Hohe alte Häuser, lange Schatten: „Berlin ohne Bäume“, wird sie den Kiez rückblickend nennen und sich in ihrer Bestseller-Autobiiographie „Der geschenkte Gaul“ (1970) an jene Anisbonbons erinnern, die der heißgeliebte Opa dort verbotenerweise vor dem Essen für sie kaufte, und an die schwer erträgliche Freundlichkeit der Kita-Schwestern. „Mir wäre es dann schon lieber gewesen, wenn sie mich angebrüllt hätten“ . Hier gibt es inzwischen ein paar neu gepflanzte Bäumchen. Derzeit stehen vor dem Haus drei Schuttcontainer. Rechts ein Pizza-Imbiß, ein Briefkasten. Links ein Raucherlokal, eine Haltestelle. Gegenüber eine Pflegestation. Später sind sie in derselben Straße über die nächste Kreuzung in ein anderes Haus (Nr. 68) gewechselt, dann in ein an anderes und wieder ein anderes Viertel, undsoweiter. Überhaupt ist sie lebenslang ziemlich rumgekommen, sogar ein Broaway-Star ist sie eine zeitlang gewesen, zuletzt lebt sie doch wieder in Berlin.

Mit Auftritten, Platten, Büchern hat die Sängerin, Schauspielerin, Songschreiberin und Autorin oft gut verdient, trotzdem sitzen Schulden ihr im Nacken. Vor zwanzig Jahren im November, als sie mal wieder ein Comeback brauchen kann, meldet sich bei ihr die Band „Extrabreit“, die selbst ihre besten Tage hinter sich hat. Die jungen Männer unterlegen dem größten selbstgeschriebenen Hit der Seniorin („Für mich solll`s rote Rosen regnen“) einen aktualisierten Sound: Das verkauft sich, bringt die Diva neu ins Gespräch. Was darauf an Angeboten für Fernsehen und Konzerte folgt, kann sie allerdings, belastet durch Tablettensucht, oft nicht mehr wahrnehmen. Am Ende ihres Todesjahres (2002) wird auf einer Briefmarke ihr Konterfei erscheinen, da sieht sie ziemlich herb aus: ein Jugendbild mit Dutt. Doch für ihre Fans bleibt sie die Berlinerin, deren Augen leuchten, solang sie sich nicht unterkriegen lässt.   

Die nächste Folge von Schauplatz Berlin erscheint am kommenden Sonntag im gedruckten Tagesspiegel

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