Schauplatz Berlin (Auflösung 7) : Der Baum, an dem man sich trifft (Auflösung 7)

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2820 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer siebenten Folge.

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Der Gedenkstein für die „Einsame Pappel“ liegt auf dem Rundbeet, das ihre Nachpflanzung umgibt, an der Topstraße 15 (Prenzlauer Berg). ). Das Bild darf unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation verwendet werden.
Der Gedenkstein für die „Einsame Pappel“ liegt auf dem Rundbeet, das ihre Nachpflanzung umgibt, an der Topstraße 15 (Prenzlauer...Foto: OTFW Berlin / Wikimedia.de

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2820 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer siebenten Folge.

Ein ganz geheimer Anlaufpunkt kann das beeindruckende Gewächs mit viel Freifläche drumherum kaum gewesen sein. Zehn- bis zwanzigtausend Protestierer sollen am 26. März 1848 im  hohen Sonntagsschatten der „Einsamen Pappel“ zusammengekommen sein, die Vossische Zeitung nannte die kleinere Zahl. Es waren vor allem Arbeiter, Handwerker und viele Arbeitslose, die hier ihr politisches Programm formulierten. Die Klagen der meisten Redner seien seit langem bekannt, sagte der wortführende Goldarbeiter Ludwig Bisky: Zur Tat müsse man jetzt schreiten! Eine sechsköpfige Delegation legte drei Tage später König Friedrich Wilhelm IV. ihre Forderungen vor: Man verlangt die Versorgung von Arbeitsinvaliden, allgemeine Wahlrechte, Truppenabbau, eine Kommission für Lohnverhandlungen und die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Immerhin wird die Delegation empfangen, aber: Die Frechheiten werden abgeschmettert.

Doch die Massentreffen an dem Baum werden weitergehen – auch in späteren Jahrzehnten, zur Zeit der Bismarckschen Sozialistengesetze, als im weiten Umkreis Wohnviertel entstehen. Anfangs lag in der Nähe ein Exerzierplatz der preußischen Armee. Sonntags hatten die Soldaten wohl frei, was dem  Demo-Wesen zugute kam. Später entstand in der Gegend ein Spiel- und Freizeitgelände für Leibesübungen; der Sportplatz war für Hertha BSC, die 1892 in einem Lokal an der nahen Zionskirchstraße gegründet worden war, bis 1904 erste Spielstätte. All das hat unsere legendäre Schwarzpappel, um deren Einsamkeit es mit der dichteren Bebauung geschehen war, unbeschadet überstanden. Doch 1967 muss sie, über 150 Jahre alt, gefällt werden: weil abbrechende Zweige arglose Spaziergänger gefährden. Aus ihren Reisern hat dann die Baumschule „Wilhelm Pieck“ in Altenhof am Werbellinsee den Baum, der heute hier steht, gezüchtet und gepflanzt, umringt von einem Steinmäucherchen. Mittlerweile erreicht das Kind vom Baum die Höhe der vierstöckigen Blocks am Straßenrand gegenüber. 2006 war die Schwarzpappel „Baum des Jahres“ und steht heute auf der Liste bedrohter Pflanzenarten.                    

Trotz Parkscheinautomaten und patroullierendem Ordnungsamt wirkt die einst ganz am Rande der boomenden Großstadt gelegene Gegend neben der Topsstraße wieder auf eigene Art verloren. Den Grünstreifen vor den Sportplätzen, in dem auch unser Baum samt  seiner Würdigungstafel sich befindet, reguliert ein Schilderwald: Der Passant wird auf das eigene Risiko bei Schnee und Eis hingewiesen, per Piktogramm verwahrt man sich gegen Räder, Mopeds und Fussball, Papierkorbnutzung wird angemahnt. Im Hintergrund ragen die Lichttürme des Jahn-Stadions. Aus Betonwannen, die für Flaschenmüll genutzt werden, wachsen statt Schmuckpflanzen Brennesseln. Auf dem steingefassten Rundbeet vermeldet ein graffitimarkierter Gedenkstein, was es mit diesem Ort, dem Baum, seinem zersägten Papa und den Kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit auf sich hat.

Die nächste Folge von Schauplatz Berlin erscheint am kommenden Sonntag im gedruckten Tagesspiegel

 

 

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