Schauplatz Berlin (Auflösung 8) : Die Alleskönnerin

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2820 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Hier finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Auflösung zu unserer achten Folge.

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Die Gedenktafel für Lilli Palmer hängt am Haus Hölderlinstraße 11 (Westend). Foto: Axel Mauruszat / Wikipedia.de
Die Gedenktafel für Lilli Palmer hängt am Haus Hölderlinstraße 11 (Westend).Foto: Axel Mauruszat / Wikipedia.de

Einmal im Jahr nur, so hat sich Lilli Palmer, die eigentlich Lilli Marie Peiser hieß, später in ihrer Bestseller-Biographie (Dicke Lilli – gutes Kind“) erinnert, sei ihr während der Kindheitsjahre bewusst geworden, dass sie Jüdin war. Ihre  Schulklasse bereitete wieder das Weihnachtsspiel vor – und für sie, der sonst alle Hauptrollen im Schultheater zuflogen, blieb nur der Engel mit fragiler Batteriebeleuchtung. Um die Jungfrau Maria spielen zu dürfen, schlug sie damals dem Vater sogar vor, sich taufen zu lassen. Der hätte seine kluge Tochter gern als Chirurgin in den eigenen Fußstapfen gesehen. Auch als Pingpong-As hat sie damals brilliert, war für eine Weltmeisterschaft nominiert. Aber da war der Weg auf die Bühne schon ihr eigentliches Ziel. In der zweiten Lebenshälfte wird sie schließlich beginnen, eindrucksvoll zu malen – und ernsthafte Anerkennung ernten. Diesen Erfolg wiederum sollte dann knapp zehn Jahre später ihre Schriftsteller-Karriere noch übertreffen.

 Während manche ihrer Werke sechs- oder siebenstellige Auflagen erreichen, bleibt  ihr Sachbuch-Vorwort zu „Stimmungsschaukel“ ein persönlicher Seitenpfad. Sie schreibt da von der unheilbaren Krankheit ihrer berühmten Filmkollegin Vivian Leigh., von bisherigen schlimmen Behandlungsmethoden mit Elektroschocks für Manisch-Depressive, vom Segen eines neuen Lithium-Präparates. Der verstorbenen Freundin habe die Droge nicht mehr helfen können, bislang laute das Urteil bei solch einer Diagnose „lebenslängliches Gefängnis“. Nun gebe es für für diese Kranken die Option, „wie normale Menschen zu leben“. Das werde „Tausenden Menschen in Mitteleuropa neue Hoffnung geben“.

 Zu dem Zeitpunkt, 1975, arbeitet sie, nach Jahren der Emigration, längst wieder in Deutschland, ist weiter international produktiv. Zwei Jahre vor ihrem Tod im Jahr 1986 erscheint mit „Um eine Nasenlänge“ ihr Roman einer Frau, die sich chirurgisch verschönern lässt. „Mein Gesicht ist nicht mal eine Maske,“ sagt diese zu ihrem Partner, „es ist ein Kniff, ein Bluff, eine Konstruktion. Es hat nichts mit mir zu tun. Versteh doch: Das bin nicht ich. Was du Schweigsamkeit nennst, war nur meine Unzulänglichkeit, meine Augen durften nichts preisgeben, weil sie verbergen mußten, daß nichts dahintersteckte, kein einziger eigenständiger Gedanke und schon gar kein Geheimnis, allenfalls Angst.“ Als die Autorin das zu Papier bringt, hat sie selbst, eine zeitlebens bewunderte Schönheit, bereits in über 80 Filmen vor der Kamera gestanden. Ihre Berliner Gedenktafel hängt neben dem Portal eines weißen Hauses mit Vorgarten in der Hölderlinstraße nahe dem Theodor-Heuss-Platz. An der Ecke verweist ein grauer Parkhausklotz mitten im Altbestand auf Bombenschäden. Zwei Motorroller unter Plastikhüllen stehen am Gehsteig wie bizarre Bühnenpferde. Hier wohnte die schöne Alleskönnerin vom vierten Lebensjahr bis zu ihrem Aufbruch in die Welt, das war ihr Bühnendebüt im Rose-Theater an der Großen Frankfurter Straße, darauf ihr erstes Engagement am Hessischen Landestheater Darmstadt. Zwei Jahre später, 1934, hat sie Deutschland verlassen.

Die nächste Folge von Schauplatz Berlin erscheint am kommenden Sonntag im gedruckten Tagesspiegel

 

 

 

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