Schauplatz Berlin (Rätsel 1) : Gedenktafel-Rätsel: König der Evergreens

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2820 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Sie, liebe Leserinnen und Leser, dürfen jeweils herausfinden, ob Sie den Ort, die Person beziehungsweise das Ereignis kennen.

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Die Tafel, auf der auch seine sexuelle Orientierung erwähnt wird, hängt in einer noblen Straße des Westens. Hier hatte er sich, erfolgreich und gut verdienend, ein großes Haus gekauft; hier schuf er mit seinem Komponistenkumpel die berühmtesten Schlager. Hier lebte er mit der Schein-Ehefrau und seinen Eltern, die aus dem Arme-Leute-Kiez zu ihm gezogen waren. Hier stellte ihm die Polizei eine Falle. Seine zweite Verhaftung. War er da zwischen Regime-Instanzen geraten, wollten Scharfmacher gegenüber dem Kulturminister ein Exempel statuieren? Heute gibt es in dem Haus außer Wohnungen Büros von Ärzten, Architekten, eine Galerie. Viel neue Klinkerverkleidung, hier ist wohl einiges zerbombt gewesen. Im Vorgarten eine Kastanie, dornige Büsche.

Damals hatten sie ihn dann nach unendlichen Wochen schließlich aus dem Folterverhör entlassen, damit er seine berüchtigsten Verse dichten konnte: Hoffnungs- und Sehnsuchtsdrogen für die strapazierte Bevölkerung. Sein Lebenswerk allerdings umfasst mehr als diese Hits, mindestens 1037 Songs, Brettlyriken, Libretti in allen Gefühlslagen, zwischen holprigem Scherzgeplänkel, zweideutiger Anmache und herzzerreißender Leidenschaft: „Nur ein zärtlicher Klang bleibt allein von dem Lied, das die Liebe uns sang.“

Zur Welt gekommen war der Berliner Junge vor 110 Jahren, aufgewachsen als Einzelkind eines Handwerkers im Nordosten der Stadt. Früh hatte er sich dazu bekannt, schwul zu sein, stand für Fragebogen eines Sexualforschers zur Verfügung und Modell für einen renommierten Aktfotografen. Die Angestelltenlehre brachte ihn nicht weiter, als Texter für die Musik- und Filmindustrie entdeckte er seine Bestimmung. Das Melodien-Œuvre seines Komponisten, mit dem er im Alter brechen wird, trägt bald ebenso viel bei zu seiner Karriere wie die Aura der Diva, die seine Evergreens zu den ihren macht.

Von dem Verdacht, mit Verbrechern kollaboriert zu haben, wird er juristisch freigesprochen, nach Offenlegung seiner Privatsphäre. Trotzdem streiten postum sein Erbe und die Tochter des verlorenen Freundes, ob er sich verstellt oder angepasst haben könnte – um schreckliche Zeiten zu überleben.

Wer war's? Finden Sie die Gedenktafel? Die Auflösung gibt es am Mittwoch bei Tagesspiegel Online unter www.tagesspiegel.de/schauplatz.

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