Schauplatz BERLIN (Rätsel 16) : Tempelgrotte der Moderne

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2833 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Sie, liebe Leserinnen und Leser, dürfen jeweils herausfinden, ob Sie den Ort, die Person beziehungsweise das Ereignis kennen. Rätseln Sie mit bei Folge 16!

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Nach 175 Arbeitstagen ist es geschafft. Auf einem Volksfestgelände von 2700 Quadratmetern wurden 7600 Kubikmeter Erde ausgehoben, eine Million Ziegel, 240 000 Kilo Eisen, 1700 Kubikmeter Stampf- und 210 Kubikmeter Eisenbeton verbaut. Masse und Tempo beeindrucken Zeitgenossen ebenso wie die moderne Architektur des Neubaus, sein Kontrast zum Umfeld wilhelminischer Schnörkelhäuser. Wo seine Gebäudeflügel zusammentreffen, ragt ein klotzartiger Turm hervor, daneben ein höherer Leuchte-Turm. 3500 Lampen dienen der Lichtarchitektur, dafür steht im Hof eine Transformatorenstation. Die Presse schreibt: „Der schlanke Turm, der sich wie ein Florett in die Luft bohrt, weist nicht weniger als 27 leuchtende Gesimse, sogenannte Leuchtringe auf; scharf und kantig folgen die Lichtstreifen den kubistischen Konturen des Bauwerks.“ Die Fassade ist radikal schlicht, rhythmisch gegliedert. Im Gegensatz zur kargen kantigen Außenhülle dominieren das prächtige Interieur dieses Unterhaltungspalastes für großstädtisches Massenvergnügen fließende Linien, Wölbungen, Bögen, Muschel-Formen, Kreise. Ein Fachjournal meckert: „Innen wird mit noch überschwänglicheren Lichtwirkungen gearbeitet als außen: Das Licht überstrahlt das Grellrot und das vielfach abgestufte Gold bis zur Ermüdung der Augen.“ Dagegen teilt ein Stadtteilblatt die Begeisterung des Publikums, das im Januar vor 85 Jahren der glamourösen Eröffnung beiwohnt: „Man hat innenarchitektonisch einen Rhythmus der Linien und Farben geschaffen, der eine Berliner Sehenswürdigkeit darstellt … Wenn der für 2000 Besucher bestimmte Zuschauerraum in ein diffuses, milchig- silbriges Licht getaucht ist, wenn der Bühnenraum mit seinen mächtigen Umrahmungsvouten zu einer geheimnisvollen Grotte wird, dann ist das ein selten starker, phantastisch-reizvoller Eindruck.“

Nach dem Krieg finden hier historische Ereignisse statt: erster Friedensauftritt eines berühmten Klangkörpers; die Gründung eines Bildungsinstitutes und eines ruhmreichen Festivals. Später geht das Spektrum von Operette und Film bis zur Strip-Show. Ein Innenumbau verwischt das ästhetische Konzept. Der Abriss in den 1960er Jahren wird abgewendet, beim zweiten Umbau zieht man Zwischendecken ein. Heute prägen Textilketten, ein Lebensmitteldiscounter und ein Kino die Immobilie. Ihre Front ist noch zu erkennen, durch Schaufenster und Reklame überformt. Dazwischen hängt die Gedenktafel.

Wer war’s? Wo findet sich ihre Tafel? Auflösung am Mittwoch auf www.tagesspiegel.de

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