Schauplatz BERLIN (Rätsel 17) : Der renitente Vorsitzende

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2842 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Sie, liebe Leserinnen und Leser, dürfen jeweils herausfinden, ob Sie den Ort, die Person beziehungsweise das Ereignis kennen. Rätseln Sie mit bei Folge 17!

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Hatte er zunächst noch taktiert gegenüber der Kulturpolitik des Regimes: als man ihm, dem Konservativen, zusetzte? Ein paar Jahre vorher, anlässlich seines 60. Geburtstags, war er erstmals mit einer großen Werkschau gewürdigt worden. Im Jahr darauf rückt er an die Spitze einer Künstler-Organisation, der bereits seit Jahrzehnten angehört. Beim Bezug ihres neuen Vereinsdomizils stellt er bald darauf fest: Berlin sei nunmehr auf das Fünffache seiner vormaligen Einwohnerzahl angewachsen, „und an Künstlervereinigungen oder gar Ausstellungen haben wir schon gar beinahe eine Inflation“. Vielleicht könne von diesem Haus aus „die sich immer mehr vertiefende Kluft zwischen der modernen Kunst und dem Publikum“ geschlossen werden. Allerdings habe niemand jemals „mit Erfolg dem Künstler vorschreiben können, was und wie er schaffen soll . . .“

Zu dieser Autonomie-Erklärung passt dann freilich kaum der untertänige Brief, den der Vorsitzende zwei Jahre später, acht Monate nach Hitlers Ernennung zum Kanzler, an einen Regierungsrat in der Wilhelmstraße schreibt: Seine Institution verfüge seit kurzem, als Ergebnis eines Preisausschreibens, über eine Silberplakette „von besonderer künstlerischer Schönheit“ – und wolle diese nun erstmals verleihen, und zwar dem Führer, welcher sich in Nürnberg mit einer „wundervollen Kulturrede“ um die deutsche Kunst verdient gemacht habe. Das Angebot wird abgelehnt. Zwei Jahre später wird der Vorsitzende per Gerichtsbeschluss als untragbar abgesetzt: nachdem er die Abschaffung demokratischer Vereinsstrukturen zugunsten des Führerprinzips und den Ausschluss Max Liebermanns als Ehrenmitglied ebenso verweigert hatte wie die Verleugnung der jüdischen Förderer seiner Organisation auf einer Dankestafel am Vereinshaus. Der Vereinsvorsitz wird einem linientreuen Anwalt übertragen.

Die Gedenktafel für den Widerspenstigen steht nicht an dem Ort, wo er selbst die Geschäfte führte, sondern an der seit 1964 gültigen Adresse der Vereinigung, die seit 1990 auch Frauen als Mitglieder akzeptiert. Die stark befahrene Straße liegt an einem Wasserweg. Zwei Vorgärten weiter steht ein Buddybär. Vor dem Haus im Gärtlein links dokumentiert eine textreiche Tafel die Vereinshistorie. Eine zweite Tafel im Heckenkarree rechts würdigt den Mut des Portrait- und Landschaftsmalers, der am 1. Februar vor 70 Jahren in Berlin gestorben ist.

Wer war’s? Wo befindet sich die Tafel? Auflösung am Mittwoch unter www.tagesspiegel.de

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