Schauplatz Berlin (Rätsel 4) : Die Stehauf-Frau

Fast an jeder Ecke in Berlin hängt eine Gedenktafel, 2820 sind es insgesamt. Der Tagesspiegel bietet jede Woche ein Gedenktafel-Rätsel. Sie, liebe Leserinnen und Leser, dürfen jeweils herausfinden, ob Sie den Ort, die Person beziehungsweise das Ereignis kennen. Rätseln Sie mit bei Folge Vier!

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Der Sisyphus-Alptraum, von dem sie in einem ihrer Bücher berichtet, geht so: Die alte Frau hockt in einem dunklen Zimmer unter einer hohen Fensterbank. Ihr Kopf sitzt lose auf dem Rumpf, rollt ohne Blutverlust zu Boden. Sie strengt sich an, ihn aufzuheben, tastet sich durch den Raum, findet ihn, setzt ihn auf das Loch zwischen den Schultern – bei der kleinsten Bewegung droht er, herunterzukullern. Als sie das selber aufschreibt, ist sie nicht wirklich alt, hat aber viele böse Krankheiten, Karrieren, einen Weltuntergang, anderthalb Ehen hinter sich. Ein paar Jahre später, in ihrem nächsten Buch, wird sie dann Interviews über das Unerklärliche führen. „Auf unserem Planeten – durch den Weltraum jagend – sind wir ständig kosmischen Kräften ausgesetzt“, behauptet sie im Vorwort. „Ebenso beständig ist die Sehnsucht nach dem Wunderbaren.“

Als sie noch kein Jahr alt war, ist die Mutter damals mit ihr nach Berlin gezogen: in jene schmale Straße, wo an ihrem ersten Berliner Wohnhaus heute ihre Gedenktafel hängt. Hohe alte Häuser, lange Schatten: „Berlin ohne Bäume“, wird sie den Kiez rückblickend nennen und sich an jene Anisbonbons erinnern, die der Opa dort verbotenerweise vor dem Essen für sie kaufte, und an die schwer erträgliche Freundlichkeit der Kita-Schwestern. „Mir wäre es dann schon lieber gewesen, wenn sie mich angebrüllt hätten.“ Derzeit stehen vor dem Haus drei Schuttcontainer. Rechts ein Pizza-Imbiss, ein Briefkasten. Links ein Raucherlokal, eine Haltestelle. Gegenüber eine Pflegestation.

Später sind sie in derselben Straße über die nächste Kreuzung in ein anderes Haus gewechselt, dann in noch ein anderes und wieder ein anderes Viertel, und so weiter. Überhaupt ist sie lebenslang ziemlich rumgekommen, zuletzt lebte sie doch wieder in Berlin.

Mit Auftritten, Platten, Büchern hat sie oft gut verdient, trotzdem sitzen Schulden ihr im Nacken. Vor zwanzig Jahren im November, als sie ein Comeback brauchen kann, meldet sich bei ihr eine Combo, die selbst ihre besten Tage hinter sich hat. Die jungen Männer unterlegen dem größten selbstgeschriebenen Hit der Seniorin einen aktualisierten Sound: Das verkauft sich, bringt die Diva neu ins Gespräch. Was darauf an Angeboten folgt, kann sie, belastet durch Tablettensucht, oft nicht wahrnehmen. Zum Ende ihres Todesjahrs wird auf einer Briefmarke ihr Konterfei erscheinen, da sieht sie herb aus: ein Jugendbild mit Dutt. Doch für ihre Fans bleibt sie die Berlinerin, deren Augen leuchten, solang sie sich nicht unterkriegen lässt.
Wer war es? Wo finden Sie die Tafel? Auflösung am Mittwoch auf www.tagesspiegel.de/schauplatz.

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