Schauplatz BERLIN Wer?  Wo? Wann? – Das Tafelrätsel : „O weh, ein Palazzo“

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Das Ziel der Landpartie ist nicht allen Romanfiguren, die den Ort ansteuern, bekannt. „Ein Glück, dass wir Decken mitgenommen haben. Oder gibt es auch Zimmer da?“, fragt die Gräfin. Der Ortskundige: „Ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem Idyllisches und erwarten, wenn wir angelangt sein werden, einen Mischling von Kiosk und Hütte. Da harrt Ihrer aber eine grausame Enttäuschung. Wenn uns die Lust anwandelt, so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten. Raum genug ist da. Sehen Sie, das Schiff wendet sich schon, und der rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar wird ...“ „O weh! Ein Palazzo“, sagt die Baronin. An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen Horizont steigen Fabrikschornsteine auf. ... Gleich danach erscheint ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen. Der Baron drängt seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken, um den Sonnenuntergang besser beobachten zu können. Die Baronin aber rührt sich nicht. „Was Sonnenuntergang! Den seh’ ich jeden Abend. Ich sitze hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter.“ Nicht nur das Lokal erhellt sich, sondern auch drüben am Eisenbahndamm zeigen sich die verschiedenfarbigen Signale, während mitten auf der Spree, wo Schleppdampfer die Kähne ziehen, ein verblaktes Rot aus den Kajütenfenstern hervorglüht …

Im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts stand an der Stelle dieser literarisch verewigten Ausflugswirtschaft der Wachschuppen eines Holzlagers. Naturalien, die der örtliche Fährmann anbot und mit denen hier Ruder-Wettkämpfer prämiert wurden, inspirierten den Namen einer Schifferkneipe, die sich aus jenem Schuppen entwickelte. Zweimal brannte sie ab, wurde 1892 in ihrer letzten Massiv-Version neu errichtet, danach mit Saal und Veranda erweitert. Natur, Bewirtung und Kinderjux lockten bis 1960 Gäste an. In den 1970er Jahren war der Komplex rekonstruiert worden, diente partiell als Requisitenlager eines TV-Senders – und verfällt nun seit über 20 Jahren. Im Wald drumrum liegen Müll und Jahrmarktsfragmente.

„Fuck you Ryan Air“ und „Resi ich liebe dich“ steht an der Wand. Eine Gedenktafel verkündet die Chronik der Lokalität, am Boden liegt das Regelwerk des hier einst florierenden Gondelbetriebes: „Angetrunkene Personen dürfen das Fahrgeschäft nicht benutzen. Das Rauchen, die Mitnahme von Tieren, Schirmen, Stöcken und anderen spitzen Gegenständen ist untersagt.“ Die Palazzo-Scheiben sind zerdeppert, aber eine Oster-Exkursion zu dem verwunschenen Schauplatz lohnt immer noch. Thomas Lackmann

Wie heißt das Haus? Lösung siehe unten

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