Berlin : Schauprozess in Moabit

Zu seinem 100-jährigen Bestehen lud das Kriminalgericht zu einem Tag der offenen Tür

Andreas Conrad

Der angeklagte Ehemann ist etwas vorlaut, sein Verteidiger hat Mühe, ihn zu zügeln, aber diese Frage ist berechtigt: Der als Zeuge befragte Polizist trage heute Brille, beim fraglichen Einsatz in der ehelichen Kreuzberger Wohnung aber nicht. Benutze er sonst Kontaktlinsen? Oder habe er die roten Flecken im Gesicht der angeblich verprügelten Ehefrau brillenlos gar nicht sehen können? Der wackere Beamte lässt sich nicht foppen: Ein Auge sei völlig normal, die Sehfähigkeit auch ohne Gläser garantiert. Kichern im Publikum.

Unterhaltung war gestern garantiert im Saal 217 des Kriminalgerichts Moabit. Prozesse gegen prügelnde Ehemänner bieten sonst jede Menge Trostlosigkeit, diesmal hatten alle im Raum ihren Spaß: die Zuhörer sowieso, aber auch die realistisch, doch mit sichtlicher Spielfreude agierende Richterin, der Staatsanwalt und der Verteidiger, die Zeugen – und selbst der Angeklagte, obwohl der Versuch seines Anwalts, die Einstellung des Verfahrens zu erzielen, gescheitert war. Aber es war ja kein richtiges Verfahren, vielmehr ein Schauprozess, dramatischer Höhepunkt des Tags der offenen Tür, zu dem das Gericht anlässlich des 100-jährigen Bestehens geladen hatte. Die Richterin immerhin war tatsächlich eine, die übrigen Rollen aber wurden von Kollegen und anderen Justizangestellten gemimt, die immer schon mal Staatsanwalt, Verteidiger, gar Angeklagter sein wollten, wie Hans-Michael Borgas, Vizepräsident des Amtsgerichts Tiergarten und diesmal Protokollführer, geulkt hatte. Nur die Schöffen waren echte Laien – aus den Zuhörerreihen auf die Richterbank gebeten.

Während drinnen im Saal Justitia gedient wurde, waren draußen in den Gängen diffizile Rechtsfragen zu lösen: Ist die Göttin des Rechts blind, taub oder stumm? Und wie viele Kinder befinden sich im angrenzenden Gefängnis – keins, 101 oder 78? Ein Tag der offenen Tür funktioniert nur als Familienausflug, daher war auch an die Kleinen gedacht und für sie ein Gewinnspiel ausgeheckt worden, die Fragen zu lösen beim Streifzug durchs Kriminalgericht, allein oder bei einer der Führungen durch das Moabiter Rechtslabyrinth. In dem verliere sogar er mitunter die Orientierung und müsse auf einen Lageplan schauen, gestand Gregor Weiser, Richter im Landgericht und diesmal einer der Fremdenführer Justitias, deren düstere Räume trotz des Sonnentages erstaunlich viele besichtigen wollten. Das ausgestellte Sortiment der Gärtnerei der JVA Düppel bot ja kaum Ersatz für das strotzende Grün der freien Natur.

Doch stieß das Publikum immer wieder auf Erstaunliches, in der Poststelle etwa auf einen Hammerstempel, seit den dreißiger Jahren in Gebrauch, um das Eingangsdatum von Akten zu markieren, weiterzustellen mit Hilfe zweier Büroklammern. Auch das Messer gleich daneben dient friedlichen Zwecken, dem Öffnen von Post, Ergänzung zu dem gleichfalls bereitstehenden Briefschneideautomaten. Wird das Messer stumpf, verursacht das keine Kosten. Ersatz gibt es in der Asservatenkammer.

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