Scherben auf Berlins Radwegen : Nieder mit den Flaschenzerwerfern!

Wann sind Radfahrer richtig aggressiv? Wenn sie ein Stück Grünglas aus dem platten Reifen pulen müssen. Unser wütender Autor hat aufgeschrieben, was er mit notorischen Bierflaschenzertrümmerern tun möchte.

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Zerschlagene Bierflaschen.
Zerschlagene Bierflaschen.Foto: IMAGO

Ich habe einen Traum, dass diese Stadt eines Tages frei sein wird von jungen Menschen, die bis tief in den Winter nachts durch die Straßen ziehen, „Öaaaaahaaaaaalter!“ schreien und ihren Ausruf mit dem Klirren einer Flasche auf Asphalt, Katzenkopf oder Steinplatte, bevorzugt jedenfalls auf Fahrradwegen, krönen.

Ich habe einen Traum, dass die Radfahrer Berlins ihren konzentrierten Blick wieder vom scherbenübersäten Boden losreißen können, dass sie wieder Augen füreinander haben werden, sich anlächeln, ja sich ineinander verlieben werden auf den Radwegen dieser Stadt – oder wenigstens nicht den nächsten Rechtsabbieger übersehen, der ihnen gefährlich nahe kommt.

Ich habe einen Traum, dass sich in den von Fußgängern in Partylaune bevölkerten Bezirken dieser Stadt allnächtlich jene Radfahrer versammeln, die es satt haben, ihre Reifen zu flicken. Es werden dabei sein: junge, schöne Menschen, die noch eine Mission zu erfüllen haben, bevor sie sich im Berghain einander hingeben. Es werden auch dabei sein: nicht mehr ganz so junge Menschen, die gerade noch ihre Paulas und Maximilians ins Bett gebracht haben und nun mit grimmigem Blick auf die Straßen hinaustreten. Sie werden Scherbenwehren bilden, vom Ku’damm bis zum Frankfurter Tor, sie werden sich „Dreckiges Dutzend“ nennen, „Ingloriöse Basterds“ oder „Die Glorreichen schieben“, sie werden die Straße zurückclaimen und sie werden dieser Stadt ihr Glaubensbekenntnis zu Gehör bringen, das da heißt: Ich bin ein Radfahrer, und dieser Weg gehört mir.

Ich sehe vor mir, wie die Scherbenwehr an der Ecke Warschauer Straße/Stralauer Allee einen Flaschenzerwerfer in flagranti erwischt. Vor ihm auf der roten Farbe des Radweges liegen in prächtigem Splittermuster die atomisierten Überreste einer Bierflasche. Er hatte einen schönen Abend. Bis jetzt.

Der Flaschenzerwerfer trägt ein Schlabbershirt, auf dem in bunten Graffitilettern gedruckt steht: FICKEN 3000. Er weiß nicht, was das Ficken 3000 ist. Er ruft noch einmal verzweifelt „Öaaaaaaaaaaahallalter!“, aber seine Zeit ist gekommen.

Der junge Mann wimmert - dann muss er über die Planke

Unter den Anfeuerungsrufen der Umstehenden packen die erbarmungslosen Frauen und Männer der Scherbenwehr den jungen Mann mit ihren kräftigen Armen und zerren ihn von dannen, unter dem anschwellenden Jubel der Menge in die Mitte der Oberbaumbrücke. „Nieder mit ihm!“, hallen die Rufe der Menschen von den Backsteinwänden zurück. Ein zufällig anwesender verrückter Schlagzeuger trommelt mit chinesischen Essstäbchen nervöse Wirbel auf einem orangefarbenen BSR-Mülleimer. Der junge Mann mit dem Ficken-3000-Shirt wimmert jetzt.

Denn schon muss er von der Planke, welche die Scherbenwehr zu diesem Zwecke in der Mitte der Brücke installiert hat. Man vernimmt das schon bekannte „Öaaaahaaaaalter!“, es klatscht, dann schwimmt der reuige junge Mann ans Ufer, wo ihn Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann mit Tee im bruchsicheren Mehrwegbecher erwartet.

Mit verständnisloser Miene und kopfschüttelnd zieht das junge Partyvolk an der Szene vorbei. Für derartiges Verhalten zeigt die Gesellschaft im dritten Jahr der Scherbenwehren keinerlei Verständnis mehr. „I mean: How could he?“, lallt selbst ein junger Engländer im Fußballtrikot. Er weiß, was hier los ist, denn auch die internationale Presse hat ausführlich berichtet.

„Jetz isch hier au endlich amol Ordnung“, pflichtet ihm ein Rentner in kariertem Hemd und Outdoorsandalen bei, der gerade, vom Babysitten bei seinem Sohn in der Simplonstraße kommend, zurück zum Hotel spaziert.

Pfiii, pfiiiii, pfiiiii, ziehen die weißen Möwen jubilierend ihre Kreise um die Oberbaumbrücke. Was kümmern die Scherben das Flugvieh, mögen sich Unwissende fragen. Aber diese Stadt ist nun vereint.

Ich habe einen Traum. Einen Tagtraum. Während ich auf den Fliesen meines Bades sitze und die grüne Glasscherbe einer Beck’s-Flasche aus dem Gummi meines Radmantels pule. Du magst sagen, ich sei ein Träumer. Aber ich bin nicht der Einzige. Ich hoffe, eines Tages wirst du dich uns anschließen, und die ganze Welt wird eins sein.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in der gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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