Berlin : Schicksale bekommen einen Namen

Erstmalig zu sehen: der unterirdische „Ort der Information“ des Denkmals für die ermordeten Juden

Claudia Keller

Der unterirdische „Ort der Information“ will die abstrakten Betonstelen „zum Sprechen bringen“. So sieht es das Ausstellungskonzept vor. Was damit gemeint ist, konnte man gestern zum ersten Mal besichtigen: Es sind einzelne Schicksale, von Frauen, Männern und Kindern, die hier zur Sprache kommen. Ihr Alltag vor dem Krieg, so weit man ihn in Archiven rekonstruieren konnte, ihre Gedanken und Ängste während der Verfolgung, die sie selbst beschrieben haben, füllen die vier Ausstellungsräume.

800 Biografien, die in Kooperation mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ausgewählt wurden, liegen der Schau zugrunde, die meisten Opfer stammten aus Osteuropa. Im abgedunkelten „Raum der Dimensionen“ sind Ausschnitte aus Tagebüchern, aus Briefen und Postkarten auf beleuchteten Platten im Boden eingelassen. „Meine Lieben. Sie bringen uns nach Chelmno und vergasen uns. Dort liegen schon 27 000 Juden. Das Gemetzel geht weiter. Ich habe keine Lebenskraft mehr. Ich grüße euch herzlich“, schrieb eine Frau mit Namen Fela aus Kutno in Polen auf einer Postkarte am 27. Januar 1942 an ihre Verwandten im Warschauer Ghetto. Ein umlaufendes Band an den Wänden informiert darüber, wie viele Juden wo umgebracht wurden.

Im „Raum der Familien“ zeigen Fotos, Dokumente, manchmal auch private Filme, wie unterschiedlich die Lebenswelten der Juden vor dem Krieg in Europa aussahen. Die kleinbürgerliche Familie des koscheren Metzgers aus Baden steht neben der großbürgerlichen in Amsterdam, die sephardische Familie aus Belgrad neben der aus dem galizischen Schtetl. Ein anderer Raum präsentiert Orte, an denen Vernichtungslager standen oder die zu Schauplätzen von Massakern wurden, wie etwa die bei Kiew gelegene Schlucht Babi Jar. Großformatige Fotos von Mordaktionen wurden vermieden. „Wir wollten keine voyeuristische Perspektive einnehmen, um die Opfer nicht über ihren Tod hinaus zu entwürdigen“, sagt Museumspädagogin Stefanie Fischer. Gequälte, ausgemergelte und gedemütigte Menschen sieht man nur in kleinem Format.

Das durchgehende Prinzip, vom einzelnen Schicksal und vom einzelnen Ort auf das unfassbare Ganze zu verweisen, gerät bei der Schilderung des historischen Kontextes an seine Grenzen. Die einleitenden Ausführungen im Foyer sind sehr kursorisch geraten und beginnen mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. 30 Zeilen später ist man schon bei den Novemberpogromen 1938 angelangt. Der Name Adolf Hitler ist bis dahin noch kein einziges Mal aufgetaucht. Stattdessen ist immer wieder von der „deutschen Führung“ die Rede, die die „Vernichtungspolitik stufenweise weiterentwickelt“ oder „in neuem Ausmaß fortführt“.

Warum die Nationalsozialisten an die Macht kamen und ihre monströsen Pläne umsetzen konnten, erfährt man nicht. Die Forschungsdebatten der vergangenen 20 Jahre darüber, welche Gruppen, Behörden und Einzelpersonen innerhalb des nationalsozialistischen Systems für welche Verbrechen verantwortlich waren, werden nicht erwähnt. „Wir wollten eine Arbeitsteilung mit den anderen Berliner Gedenkstätten“, sagt Eva Brücker, eine von vier Historikern, die die Ausstellung erarbeitet haben. Schließlich ist der Ort der Information auch nur als Ergänzung des Stelenfeldes gedacht. Das ursprüngliche Konzept von Architekt Peter Eisenman sah gar keine Ausstellung vor.

Der Ort der Information ist ab 12. Mai für die Öffentlichkeit zugänglich, täglich von 10 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Da in den ersten Monaten mit einem großen Andrang gerechnet wird, könnte es wegen der Sicherheitskontrollen am Eingang zu Wartezeiten kommen. Der Katalog kostet im Ort der Information 9, 90 Euro.

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