Berlin : Schiffbruch mit Tulpe

23 Teams haben beim Tagesspiegel-Filmwettbewerb „Großes Kino in 90 Sekunden“ mitgemacht. Gewonnen hat eine Künstlertruppe aus Neukölln – und ein Miniaturtiger aus Draht.

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Wasserspiele. Line Claudius (l.) hat den Film „Schiffbruch mit Tiger“ mit Drahtmarionetten und Wasserwellen nachgestellt. Foto: Mike Wolff
Wasserspiele. Line Claudius (l.) hat den Film „Schiffbruch mit Tiger“ mit Drahtmarionetten und Wasserwellen nachgestellt. Foto:...

„Nach dem ganzen Fauchen war ich heiser“, erinnert sich Line Claudius. Zwei Tage lang hatte die 46-Jährige Tiger-Geräusche aufgenommen, dazu mit ihren Freunden noch Windrauschen, Kampfschreie und Regenprasseln. „Einen Schwarm fliegender Fische haben wir synchronisiert, indem wir Tulpen aneinander gerieben haben.“

Die Arbeit hat sich gelohnt: Line Claudius und ihr Team haben den ersten Kurzfilmwettbewerb des Tagesspiegels gewonnen. Sie drehten Szenen aus dem Film „Schiffbruch mit Tiger“ nach – die Figuren aus Draht gebastelt, das Boot aus Pappe und dazu Pinsel, Schaumstoff und Papierfische als Kulisse. „Es hat irrsinnig viel Spaß gemacht“, sagt Claudius. Als Dank bekommt sie nun nicht nur ein iPad inklusive Digital-Abo, sondern ihr Film wird auch eine Woche lang im Vorprogramm des Kinos International gezeigt.

Claudius, die als Künstlerin in Neukölln arbeitet, hat die Aufgabe des Wettbewerbs besonders eindrucksvoll erfüllt. „Drehen Sie großes Kino in 90 Sekunden“, hatten wir Mitte Januar gefordert und einen Monat zur Realisierung Zeit gegeben. Gedacht geht das schnell: Vogelfeder, Parkbank, Muttis Pralinen, fertig ist „Forrest Gump“. Aber einen Lieblingsfilm tatsächlich in anderthalb Minuten zu inszenieren – das braucht Kreativität.

Bei dem „Schiffbruch mit Tiger“-Werk war davon besonders viel zu sehen. Mit sechs Freunden hat Line Claudius den Film produziert. Claudius selbst arbeitet als Bildhauerin, meist mit Stein oder Papier. Nun setzte sie sich eine Woche lang an die Drahtpuppen für ihren Film – den ersten, den sie machte.

Mit einer Freundin entwickelte sie die Ideen, doch erst mithilfe eines gemeinsamen Freundes wurde ein Film draus: Roland Ruether zeichnete das Storyboard und ordnete die Ideen. Mit anderen Bekannten drehten sie vier Tage lang die Szenen nach und setzten sich zwei weitere Tage an die Postproduktion. „Es ist wahnsinnig schwierig“, sagt Claudius. Aber die Aufgabe, in kurzer Zeit noch Kürzeres zu drehen, sei spannend gewesen.

Handwerkliches Gespür sah man auch dem zweiten und dritten Platz an. Jan Hermel drehte mit seinen Neffen die Eröffnungssequenz von „Der weißeHai“ nach – mit einer Barbiepuppe als Hauptdarstellerin und einer Flasche Nasenspray als Boje. „Richtig gut war die am Klavier gespielte Filmmusik“, lobt Regisseur Bondy. Den dritten Platz erhielt Vincent Engel für eine kreative Realbild- Trick-Kollage der Helikopterszene aus „Goodbye Lenin“. Beide erhielten je eine Jahreskarte der Yorck-Kinogruppe.

Insgesamt 23 Filme hat die Redaktion in den vergangenen vier Wochen erhalten. Beliebt waren Klassiker – wie Filme von Alfred Hitchcock. Die berühmte Duschszene aus „Psycho“ wurde gleich zwei Mal adaptiert – einmal schaurig-seriös, einmal mit ironischer Wendung.

Die Hommage ans Kino mit einem Augenzwinkern zu drehen, war ein beliebtes Stilmittel der Teilnehmer: In einem Beitrag wird Nemo zum „Klauen-Fisch“, an anderer Stelle sucht ein Technikerteam verzweifelt einen Kaffeemaschinen-Ersatz bei der „Apollo 13“.

Die Gewinner hat eine siebenköpfige Jury, bestehend aus dem Filmemacher Arpad Bondy und Tagesspiegel-Redakteuren, gekürt. Bondy lobte vor allem den Ideenreichtum. Ihm gefällt besonders, wenn man einem Film sein Handwerk ansieht.

Handwerk war auch das Anliegen von Line Claudius. Erst vor vier Wochen hat sie ein Atelier in der Bartastraße in Neukölln bezogen. Noch sind die Räume sehr spartanisch, ein rotes Sofa steht im Eingangszimmer, die Filmkulissen noch auf einem Schrank. Die Räume sollen zur Begegnungsstätte für Künstler aus dem Kiez werden. Der Mini-Schiffbruch war das erste Projekt.

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