Berlin : Schill-In im Rathaus Wedding

Der Hamburger Ex-Senator kam nicht: Doch seine Berliner Anhänger stehen zu ihm und sorgen sich um seine „Rechtsstaatliche Offensive“

Werner van Bebber

Alles war so schön geplant: Zu Beginn des Wochenendes, am frühen Freitagabend, feierten die Berliner Anhänger der Schill-Partei mit vielen Bierchen und Sektchen die neue Geschäftsstelle. Am Sonnabend dann wollten die Aktivisten ihren politischen Willen erstmals auf einem Parteitag in Programmform bringen. Doch dann gerieten die Berliner Schill-Getreuen ohnmächtig in die Hamburger Wirren. Und so ging es in der Geschäftsstelle – Friedrichsruher Straße 25 in Charlottenburg-Wilmersdorf, mit schönem Blick auf die Stadtautobahn – wie auf dem Parteitag im Rathaus Wedding nur um eines: Was bedeutet uns Ronald Barnabas Schill? Scheinbar: Alles.

Kommen dieser Tage mehrere Anhänger der Partei beispielsweise zur Eröffnung einer Geschäftsstelle oder zu einem Parteitag zusammen, gibt jeder Funktionsträger eine Solidaritätsadresse ab. So kam unter einigen Dutzend Berliner Parteifreunden am Freitag die Stimmung einer verschworenen Gemeinschaft auf. Je schlechter die Nachrichten über sinkende Umfragewerte in Hamburg, desto enger schloss man sich zusammen.

Andererseits scheint der Schock von Schills Hinauswurf aus dem Senat und seinem fragwürdigen Auftritt in der Öffentlichkeit mit Andeutungen über das Sexualleben des Bürgermeisters Ole von Beust manch wackeren Konservativen traumatisiert zu haben. Der Parteitag am Sonnabend wäre beinahe am Teilnehmer-Mangel gescheitert: Eigentlich sollten von den 279 Berliner Schillisten 140 den Weg ins Rathaus Wedding gefunden haben, damit der Parteitag beschlussfähig war. Doch zum Termin waren gerade 37 Mitglieder da. Zum Glück der Aktivisten sieht die Satzung die Möglichkeit einer abermaligen Einladung vor – Termin: eine Stunde später. Und dann besteht der beschlussfähige Parteitag aus exakt so vielen Mitgliedern wie im Raume anwesend sind.

Die 37 oder 39 oder 41 taten dann das, was alle Politiker tun, wenn die besondere Lage es verlangt: Sie ergänzten die Tagesordnung und diskutierten die besondere Lage. Und es zeigte sich, dass Ronald Schill, der Ehrenvorsitzende der Partei Rechtstaatlicher Offensive, viele Freunde in Berlin hat, deren herzlicher Zuneigung er sich sicher sein kann. Es zeigt sich aber auch, dass die Schill-Partei keine Sekte ist und dass der ein oder andere Berliner Parteifreund die Sexualisierung des Hamburger Koalitionsstreits so geschmacklos wie überflüssig fand.

Interessant, wie sogar in einer derart boudoirfeuchten politischen Auseinandersetzung Schills Anhänger aus seinem Versagen eine Tugend machten. Sinngemäß wiederholten zahlreiche Redner, was zunächst der Parteifunktionär Markus Wagner mit beschwörender Stimme verkündet hatte: Trotz des Fehlers, den Schill gemacht habe, fordere man ihn „nachdrücklich“ auf, die Parteiarbeit fortzusetzen. Denn, so Wagner, „die Partei rechtsstaatlicher Offensive wird mit Führungspersönlichkeiten, die Fehler gemacht haben, mit Sicherheit nicht so umgehen wie die FDP mit Jürgen W. Möllemann.“

So ähnlich redeten es ihm viele nach, und die Berliner Landesvorsitzende Anke Soltkahn erinnerte daran, dass der Name „Schill-Partei“ ein Markenzeichen geworden sei, das man so schnell nicht aufgeben dürfe. Immerhin einige mittelalte und ältere Herren erinnerten lautstark daran, dass ihre Partei den Rechtsstaat in die Offensive habe bringen wollen. Das geschah dann in der Diskussion des Programms. In dessen Entwurf respektieren die Berliner Schillianer großherzig und großstädtisch allerlei „alternative Lebensgemeinschaften“.

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