Berlin : Schläge im Puppenhaus

Der Verein Frauenzimmer hilft Kindern, die Gewalt erlebt haben. Dabei braucht er finanzielle Hilfe. Die zwölfte Folge der Spendenserie

von
Keine Kuschelecke. Die Projektleiterinnen Karen Meyer (links) und Christiane Loyen benötigen für das Projekt „Spielraum“ unter anderem noch ein Puppenhaus – damit die Kinder ihre Gewalterfahrungen verarbeiten können. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Keine Kuschelecke. Die Projektleiterinnen Karen Meyer (links) und Christiane Loyen benötigen für das Projekt „Spielraum“ unter...

Wenn die Wut wieder aus ihrem Vater herausbrach, lief Sara (Name geändert) immer sofort in die Küche und versteckte alle Messer. Dann robbte sie unter den Küchentisch und wartete dort ab, bis die Schreie der Mutter nicht mehr zu hören waren. Das kleine Mädchen schlug der Vater nicht. Aber die Mutter hatte er sogar schon mit einem Messer verletzt.

Als Sara acht Jahre alt war, verließ ihre Mutter endlich den gewalttätigen Vater und suchte Hilfe bei Sozialpädagogin Karen Meyer und deren Kolleginnen vom Verein Frauenzimmer. Sie vermittelten Mutter und Tochter einen Platz in einer Zufluchtswohnung. Und Karen Meyer versuchte die Mutter zu überzeugen, dass ihre Sara psychologische Hilfe brauchte. „Das war gar nicht so einfach und hat ziemlich lange gedauert“, beendet Karen Meyer den Bericht über Sara. Dann wendet sich die Sozialpädagogin an Kinderpsychologin Christiane Loyen, die neben ihr sitzt: „Es wäre wunderbar gewesen, wenn du damals schon hier gewesen wärst.“ Hier – das sind die Räume des Vereins an einer ruhigen Straße in Schöneberg. Ein Ort, an dem misshandelte Frauen Hilfe und Beratung finden. Die Zufluchtswohnungen, die von hier aus betreut werden, sind in Kreuzberg, Schöneberg und Tiergarten.

Sara und ihre Mutter sind längst wieder aus der Zufluchtswohnung ausgezogen – bevor der Verein Frauenzimmer vor einem halben Jahre das neue Projekt „Spielraum“ ins Leben rief, das sich direkt an die Kinder richtet. Rund 50 Schützlinge sind das pro Jahr. „Wir wollen ihnen einen Raum bieten, in dem sie ihre Erfahrungen beim Spielen aufarbeiten können“, sagt Loyen: „Denn Spielen ist das Mittel, mit dem Kinder sich ausdrücken, weil sie vieles noch nicht in Worte fassen können.“ Das Projekt Spielraum besteht aus einem hellen Zimmer mit gelben Vorhängen und aus der Psychologin. Etwa einmal pro Woche kommen die Kinder aus den Zufluchtswohnungen zu ihr. Eine Therapie sei das aber noch nicht, sagt Loyen. Die folge später, wenn Mütter und Kinder wieder Fuß gefasst hätten.

Die Stelle der Psychologin wird die nächsten vier Jahre vom Senat finanziert. „Aber für alles andere müssen wir selbst Mittel aufbringen.“ Dabei will der Tagesspiegel mit der Spendenaktion helfen. Kollegen und Bekannte haben schon ein bisschen Spielzeug gestiftet. Wie das große Plüschpferd am Fenster. Aber das reicht noch nicht, um damit die Erfahrungen aufzuarbeiten. Ein Puppenhaus will der Verein etwa anschaffen, denn mithilfe eines Miniaturzuhauses und der Puppenfamilie könnten die Kinder ihre Ängste, Sehnsüchte nachspielen und so verarbeiten. „Wir brauchen robustes Spielzeug, weil die Kinder voller Aggressionen stecken“, sagt Loyen. „Wir hatten billiges Plastikspielzeug, das sie ratzfatz zerlegt haben.“ Die kindergroße Stoffpuppe Ilse dient oft als Prügelknabe, sie ist aber noch heil.

Nicht nur fürs Spielzeug braucht das Projekt Geld. Loyen möchte auch eine Filmkamera anschaffen, um die Interaktion zwischen Müttern und Kindern aufzuzeichnen. „Dann kann ich den Müttern anhand von Filmsequenzen erklären, was sie ändern müssten.“ Gerade neulich habe sie sich die Kamera sehr gewünscht: Ein eineinhalbjähriges Kind spielte in einer Ecke des Raums, die Mutter saß in der anderen. Plötzlich erschreckte sich das Kind vor einem Geräusch. „Das passiert den Kindern häufig, weil auch die Mütter oft schreckhaft sind“, sagt Loyen. Das Kleinkind suchte Schutz bei der Mutter, doch die wollte es zurück in die Spielecke schicken.

„Die Gewalterfahrungen und der Stress lassen die Mütter die Signale der Kinder oft nicht so gut deuten wie sonst und sie sind schneller ungehalten“, erklärt Loyen. Und sie hätten oft verlernt, schöne Momente mit dem Kind wahrzunehmen. „Die zeige ich ihnen dann auch in den Filmsequenzen, um sie zu ermutigen.“ So kann sie beiden helfen – Mutter und Kind.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben