Berlin : Schlafen wie ein Popstar

Raus aus dem Tourbus: In Kreuzberg wurde Berlins erste „Rock ’n’ Roll-Herberge“ eröffnet

Moritz Honert

Joe Strummer, den 2002 verstorbenen Sänger der Band The Clash, erkennt man auf dem Wandbild sofort. Falco hingegen erinnert ein wenig an James Dean, während der Herr mit Ponyfrisur und Mikrofon, der ganz rechts auf die Hausfassade gemalt wurde, erst mal unerkannt bleibt. „Das ist Bon Scott, der ehemalige Sänger von AC/DC“, erklärt der 31-jährige Sassan Towliati den Bilderschmuck an Berlins erster „Rock ’n’ Roll-Herberge“. Zusammen mit Volker Marx und Marco Kahl, beide ebenfalls in den Dreißigern, ist er Betreiber des unlängst eröffneten Hotels in der Muskauer Straße 11.

„Die Rock ’n’ Roll-Herberge soll in erster Linie eine Übernachtungsmöglichkeit für Bands auf Tour bieten, die keine Lust auf ihren engen Bus haben“, erläutert Towliati. „Doch natürlich können auch ganz normale Menschen bei uns übernachten, die den besonderen Flair von Kreuzberg 36 suchen.“ Die Idee stammt aus Hamburg, wo Freunde der Betreiber vor zwei Jahren ein ähnliches Projekt starteten. Dass dieses Konzept auch in Berlin Erfolg haben wird, da ist sich Towliati sicher. „St. Pauli und Kreuzberg – die beiden Bezirke sind doch seelenverwandt. Außerdem ist der Kiez zwischen Schlesischer Straße und Oranienstraße gerade schwer in Bewegung.“

Entgegen dem Klischee legen die drei Kreuzberger allerdings Wert darauf, dass der Name der Herberge nicht als Synonym für Krach und Ausschweifung verstanden wird. „Rock ’n’ Roll hin oder her, unsere Gäste sollen sich bei uns erholen. Bar und Herbergsbetrieb sind deshalb strikt voneinander getrennt, und in den Wänden sorgen neueste Schallschutzplatten für Ruhe. Wer feiern will, der darf das gerne, dann aber in der Bar.“

Eingeladen sind nicht nur Rocker, sondern auch Freunde anderer Musikrichtungen. „Wir möchten Musikbegeisterte aller Sparten zusammenbringen“, beschreibt Towliati die Idee des Hauses. Für die Zukunft sind deshalb DJ-Sets mit elektronischer Musik und kleine Konzerte geplant. Bislang können die Gäste sich schon am Billardtisch, Flipper oder Kicker amüsieren.

Der Herbergsbetrieb startete mit sieben Zimmern, was ihn nach augenzwinkernder Rechnung der Betreiber zum Sieben-Sterne-Etablissement macht. Die Preise dagegen orientieren sich am Jugendherbergsniveau. Pro Übernachtung zahlt man zwischen 25 Euro für ein Einzel- und 69 Euro für ein Vierbettzimmer, Frühstück inklusive.

Die Innenarbeiten erledigten die drei Betreiber, die allesamt gelernte Handwerker sind, zum großen Teil in Eigenregie. „Eine ziemliche Schufterei“, wie Towliati sagt. „Als wir die Räume der seit Jahren leer stehenden Spielothek zum ersten Mal besichtigt haben, sah es wirklich schlimm aus. Mehr als eine Wand hatte Wasserschäden. Am Ende haben wir bis auf die Balkenlage alles rausgenommen und neu gebaut.“

Den Feinschliff besorgten Kreuzberger Grafiker und Künstler, die jedem Raum einen eigenen Stil verpassten. Im Erdgeschoss erwartet die Gäste beispielsweise ein mit orangefarbenem Teppich ausgelegter Raum im Stil der siebziger Jahre. Im ersten Stock findet sich ein Zimmer mit asiatischen Schriftzeichen, das gegenüber hat eine eigene Eck-Bar, und die große „Präsidenten-Suite“ prunkt mit imposantem Stuck und Balkon. Das Bad befindet sich trotzdem, wie für fast alle Zimmer, auf dem Flur. Die sieben Sterne sollte man folglich nicht allzu ernst nehmen. Die anvisierte Kundschaft scheint den Spaß jedoch zu verstehen. Zur Musikmesse Popkomm war das Haus ausgebucht.

Nähere Informationen im Internet unter www.rock-n-roll-herberge.de

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