Berlin : Schlafen wie Gott in der Taiga

In Jüterbog kann man in einem nie benutzten Waggon der Transsibirischen Eisenbahn übernachten

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Jüterbog - Am Anfang suchte Ulrich Theilemann nur nach einem Blickfang für seine Oldtimersammlung. Am Ende wurde es einer der ungewöhnlichsten Übernachtungsorte in Deutschland: das Schlafwagenhotel im einstigen Militärgebiet Altes Lager bei Jüterbog. Wer hier eincheckt, schläft nicht nur in besonderen Umgebung. Gratis gibt es die Geschichte der beiden Waggons dazu, die hier ganz ohne Gleisanschluss stehen:

Sie sollten ursprünglich über die Gleise der Transsibirischen Eisenbahn rollen, gelangten aber nie an ihr Ziel und legten nur wenige hundert Kilometer zurück. Der Zusammenbruch der DDR und der Sowjetunion ließ keine andere Möglichkeit zu. Dabei hatte sich der VEB Waggonbau Halle-Ammendorf als Hersteller ganz besonders viel Mühe gegeben. Ein Waggon wurde mit zahlreichen Messinstrumenten ausgerüstet, um sich noch besser auf extreme Klimaschwankungen zwischen 40 Grad plus und 50 Grad minus sowie andere Herausforderungen einzustellen.

Der Schlafwagen wiederum bot dank glatter Kunststoffverkleidung einen gesteigerten Komfort. Doch die 40 Meter langen und 50 Tonnen schweren Stahlkolosse konnten nach der Währungsumstellung im Juli 1990 von DDR- auf D-Mark nicht mehr bezahlt werden. Während die meisten nicht abgeholten Waggons in die Schrottpresse wanderten, übernahm ein Eisenbahnverein den Schlaf- und den Messwagen und stellte sie als Attraktion in der aus Tagebaugroßgeräten bestehenden Eisenstadt Ferropolis bei Dessau aus. Als der Platz aus Kostengründen nicht mehr zu halten war, griff Bauunternehmer Theilemann im Vorjahr zu.

Auf Gleisen und per Tieflader über Landstraßen gelangten die beiden Wagen in den Jüterboger Ortsteil Altes Lager. Hier kam dem findigen Oldtimerliebhaber die verwegene Idee, aus dem Blickfang ein Hotel zu machen. „Allerdings wollte ich den Gästen nicht nur die engen Vierbettkabinen anbieten“, sagt Theilemann. „Sie sollten hochwertigen Hotelkomfort vorfinden.“ So blieb nichts anderes übrig, als den Schlafwagen gehörig umzubauen. Aus ursprünglich elf Abteilen entstanden vier. Nur ein Abteil blieb im originalen Zustand mit jeweils zwei Klappbetten in erster Etage übrig.

Die anderen Hotelabteile bieten heute ein bequemes Doppelbett mit Flachbildfernseher, separater Dusche und Toilette. Eine Heizung garantiert auch bei kühleren Temperaturen ein wohliges Gefühl. Beim Einschlafen liegt der Gedanke nicht fern, in einem richtigen Zug auf große Reise zu gehen. Den alten Messwagen hat der Eisenbahnverein zum Vereinsfeierheim umfunktioniert, wobei die biederen Sitzbänke so ganz und gar nicht zum Waggon passen wollen. Aber Ulrich Theilemann überlegt schon mögliche Veränderungen. Auf dem Nachbargleis steht ein Eisenbahnwaggon von 1930, der als Standesamt am Bahnhof Ludwigsfelde diente. Auch er soll ab Mitte Mai als Ferienwohnung zur Verfügung stehen.

Rund um das Schlafwagenhotel locken einige Ziele: Direkt an den Waggons führt das speziell für die Bedürfnisse von Inlineskatern konzipierte Wegesystem „Flaeming-Skate“ vorbei. Gleich um die Ecke hat ein Verein neben alten Militärfahrzeugen und Panzerresten alle möglichen Dinge ausgestellt, die sich nach dem Abzug der russischen Armee 1994 auf dem weitläufigen Gelände angefunden hatten. Und wer möchte, kann auch eine Runde im 80 Jahre alten Mercedes oder in der schicken sowjetischen Staatslimousine „Tschaika“ buchen.

Auskünfte im Internet unter

www.oldtimercafe.eu oder www.schlafwagenhotel.de

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