Berlin : Schlaflose Nächte, sinnloses Warten

Im Köpenicker Gewahrsam warten 309 Häftlinge auf ihre Abschiebung – manche schon seit September 2002. Seit Mitte Januar zählte die Polizei 31 Selbstmordversuche

Frauke Herweg

Zwei Selbstmordversuche innerhalb von nur zehn Minuten. Ein 24-jähriger Inder versucht sich gestern im Köpenicker Abschiebegewahrsam an einem zu einer Schlinge gedrehten Bettlaken zu erhängen. Ein 30-jähriger Litauer wird mit Schnittverletzungen an Hals, Armen und Beinen gefunden. Seit Mitte Januar kommt die Anstalt nicht aus den Schlagzeilen. Die Polizei zählte 31 Fälle von „Selbstverletzungen“. Mitte Februar traten einige Flüchtlinge in einen mehrtägigen Hungerstreik - aus Protest gegen die Haftbedingungen und die oft lange Haftdauer.

309 Männer und Frauen sitzen derzeit im Köpenicker Abschiebegewahrsam ein: abgelehnte Asylbewerber, die nicht ausreisen wollten und illegale Einwanderer ohne Papiere. Sie alle will die Ausländerbehörde zurück in ihre Heimat schicken. In einem vergitterten Plattenbau, einen ehemaligen DDR-Frauengefängnis, warten die Häftlinge auf die für den Abflug nötigen Papiere.

Zwar hat die Polizei inzwischen einiges getan, um die Haftbedingungen zu erleichtern. Sie entfernte einen Teil der Innengitter, stellte gegen die Langeweile Tischtennisplatten auf und kündigte Arbeitsbeschäftigungsprogramme an. Doch an dem eigentlichen Grund des Protestes – der langen Haftdauer – hat sich nichts geändert. 18 Tage sitzt ein Häftling im Durchschnitt ein, einige viel länger: Zehn der Häftlinge sind bereits seit September 2002 in Köpenick, eine in der vergangenen Woche ausgeflogene Frau saß seit Juni ein. Schon jetzt ist abzusehen, dass es für die rund 90 Inder, die derzeit inhaftiert sind, lange dauern könnte. Die indische Botschaft arbeitet erfahrungsgemäß sehr langsam, sagt Flüchtlingsseelsorger Dieter Müller. Fast immer müsse einem indischen Flüchtling nach sechs Monaten eine Duldung erteilt werden, weil die Botschaft die nötigen Papiere nicht habe beschaffen können. „Warum sperre ich die Leute dann überhaupt ein?“, fragt Jens-Uwe Thomas vom Flüchtlingsrat. Auch der Polizei kommen Zweifel. „Man muss nach der Verhältnismäßigkeit fragen“, sagt der stellvertretende Gewahrsamsleiter Robert Pieper.

Vielen Häftlingen ist völlig unverständlich, warum sie so lange einsitzen müssen. „Sie haben keine Straftat begangen und fragen sich, warum sie so lange hinter Gittern bleiben müssen“, sagt Seelsorger Müller. Die Ausländerbehörde informiere die Flüchtlinge jedoch nur unzureichend über den Stand ihres Verfahrens. Bei schwierigen Herkunftsländern wie Indien warten die Häftlinge monatelang, um überhaupt einen Vorsprechtermin bei ihrer Botschaft zu bekommen. „Das erzeugt einen enormen psychischen Druck“, sagt Müller. „Das sind keine kühlen Köpfe hier.“

Auch dem pakistanischen Abschiebehäftling Irfan Nawaz macht diese Unsicherheit zu schaffen. „Ich weiß nicht, was aus meiner Familie wird, ich weiß nicht, was aus mir wird“, sagt er. Seit Tagen kann er nicht mehr schlafen. Matt liegt der 25-Jährige am Mittag im Bett und starrt an die Wände seiner Sechs-Mann-Zelle. Obwohl die Wände vor kurzem gestrichen wurden, sehen sie bereits so aus wie alle anderen: über und über bekritzelt mit fremden Schriftzeichen und Bildern nackter Frauen.

In ihrer Langeweile haben sich die Häftlinge einen Sport daraus gemacht, ihre Teebeutel an die Decke zu werfen. Braune Flecken sind auf der gesamten Zellendecke zu sehen. Pater Müller will die Selbstmordversuche nicht verharmlosen. Doch er glaubt, dass bei den Versuchen „zum großen Teil wahrscheinlich keine Selbsttötungsabsicht“ vorgelegen hat. Nach dem Hungerstreik habe sich die Stimmung „hochgeschaukelt“ – eine Art „Kettenreaktion“, eine „Mischung aus Verzweiflung und der Hoffnung, hier rauszukommen“.

Häftlinge, denen ein Arzt Suizidgefahr bescheinigte, erhielten bis vor kurzem meist eine Duldung. Inzwischen werden sie jedoch in ein Justizkrankenhaus und anschließend zurück in den Gewahrsam gebracht. Mögliche Trittbrettfahrer würden so gestoppt, hofft der stellvertretende Gewahrsamsleiter Pieper. Bislang hat sich seine Hoffnung nicht erfüllt. Allen dieser Woche haben drei Flüchtlinge versucht sich umzubringen.

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