Berlin : Schlagfertig

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VON TAG ZU TAG

Werner van Bebber staunt über die Entwicklung der Berliner Umgangsformen

Seit Wochen streiten sie sich im Abgeordnetenhaus über die Ausstattung der Kiezpolizisten: Müssen diese Kräfte, die Teilen der Einwohnerschaft Berlins ein paar Grundformen zivilen Umgangs vermitteln sollen, mit einem Schlagstock ausgestattet werden - oder lieber nicht? Dahinter steht der alte Streit zwischen konservativen und progressiven Erziehungsmethoden. Die Konservativen setzen auf Grenzen und Sanktionen, die Progressiven auf Überzeugungsarbeit der milden Sorte. Man könnte den Schlagstockstreit als politische Alltagsabsurdität abtun, würde man nicht an jedem Tag in dieser Stadt aufs Neue vor die Frage gestellt, ob sich ihr gesellschaftliches Leben weiter- oder zurückentwickelt. Oder anders: Ob man Kiezpolizisten mit wehrhaftem Auftritt und oder eher harmlose Aufpasser haben muss.

Geht man nicht aus dem Haus, stärkt das den Glauben an die Weiterentwicklung. Fährt man aber Bus, spricht fast alles für die Rückentwicklung. Neuerdings bekommen Busfahrer Prügel dafür, dass sie nett sind und zu spät kommende Mitfahrwillige noch vorn in ihren Bus einsteigen lassen wollen. Selbstverständlich sind die Schläge, die ein BVG-Fahrer am Donnerstagabend in Schöneberg einstecken musste, eine Ausnahme. Aber erstaunlich sind sie nicht. Polizisten und andere Leute, die mit größeren Menschenmengen zu tun haben, meinen so etwas wie steigende Gewaltbereitschaft zu spüren. Die Busfahrerattacke zeigt, dass sie Recht haben. Sie kam so schnell, dass kaum jemand etwas davon mitbekam und helfen konnte. Wohin das führt, ist nicht zu sagen. Wahrscheinlich dazu, dass Busfahrer seltener nett sind. Was verständlich wäre. Vielleicht auch dazu, dass Pizzaboten, Sozialamtsmitarbeiter und Krankenschwestern in der Notaufnahme am Schlagstock ausgebildet werden wollen. Weil der Ärger täglich größer wird.

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