Schlammschlacht am Elternabend : Schulbank und Schnitzel für Sönke Wortmann

Der Kinoregisseur inszeniert am Grips-Theater ein Stück über Eltern und Lehrer.

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Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Gemein, Sönke Wortmann hat Hunger und der Italiener noch nicht auf. Highnoon am Hansaplatz. Die Theaterprobe im Grips geht in einer Stunde los und außer Frühstück hat der Mann noch nichts gegessen. Betrübt schaut Wortmann, der Deutschland mit Filmen wie „Der bewegte Mann“ oder „Das Wunder von Bern“ unterhalten hat, auf die geschlossene Restauranttür. Richtig ausgezehrt sieht er aus. Vielleicht zum Bäcker gegenüber? Nö. Er will Schnitzel. „Ist immer so, wenn ich arbeite, so ein Hunger“, sagt er entschuldigend. Und endlich sperrt der Kellner auf.

Schnitzel, Pommes, Champignonrahmsoße, Brokkoli – voll 80er, das Essen hier. Wortmann mustert zufrieden den dampfenden Teller. Beim Film, wo der Regisseur sonst unterwegs ist, ist das Catering natürlich üppiger als am Theater. Aber tückisch für einen, der beim Arbeiten immer Hunger hat. „Set macht fett“, sagt er.

Der schmale Produktionsetat des Grips-Theaters dagegen hält ihn geschmeidig. Weil er zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren wieder ein Theaterstück inszeniert. Noch dazu in Berlin, wo der Familienvater aus Düsseldorf nie länger gearbeitet hat. Und weil er wieder wie ein Student lebt. Wohnen unterm Dach in einer kleinen Bude in Mitte, zur Probe fahren mit der BVG. Das will er jetzt auch nach der Premiere von „Frau Müller muss weg“ am Sonnabend weiter so machen, etwa bei der Berlinale. So sieht man viel mehr von der Stadt, sagt er, und dass es sich hier viel besser lebe als er dachte.

Dass der Mann mit 52 zum ersten Mal am Grips Regie führt, liegt am neuen Theaterchef Stefan Fischer-Fels, der kennt ihn von früher aus Düsseldorf. Und es liegt an Lutz Hübners Schulkomödie, die seit ihrer Uraufführung 2010 in Dresden sehr erfolgreich auf deutschen Bühnen läuft. Die tragikomische Geschichte um eine Schlammschlacht beim Elternabend, wo eine Gruppe Hochleistungseltern eine vermeintlich unfähige Klassenlehrerin zur Strecke bringen will, hat Witz, Drama und Wahrheit. Das gefällt Wortmann.

Und nicht nur ihm. Die 80 Lehrerinnen und Lehrer, die neulich Abend auf der als Klassenzimmer ausstaffierten Probebühne des Grips schon mal einen Auszug sehen und diskutieren konnten, fühlten sich schon beim Anblick von Frau Müllers GEW-Lehrerkalender, den sie in der Eingangsszene aus der Tasche kramt, gut getroffen. Und dass Eltern eine Lehrerin mobben, ist in Zeiten hysterischer Elternfurcht vorm Bildungsversagen ihrer Kinder sowieso schwer aktuell. Ihm seien die Lehrer sympathisch gewesen, sagt Sönke Wortmann hinterher. „Die nehmen ihren Beruf ernst.“

Wie Frau Müller im Stück, mit der er sympathisiert, obwohl er im wirklichen Leben auf der Elternseite steht. Da hat der Vater von drei Kindern demnächst den Schulwechsel seiner beiden neunjährigen Töchter vor sich. Und, sollen die auf’s Gymnasium? Der Bergmannssohn, der erst eine Fußballerkarriere und dann ein Soziologiestudium abgebrochen hat, bevor es mit dem Regiestudium klappte, antwortet, wie es sich bei dieser Vita gehört: „Lieber glücklich auf der Realschule als unglücklich auf dem Gymnasium.“

Wortmann selbst war ein normaler Schüler der 70er Jahre. „Eher mittelmäßig und mehr an anderen Sachen interessiert“. Einen Lehrer abzusetzen sei damals für Eltern so undenkbar gewesen, wie für die Schüler, einen Lehrer anzugreifen, sinniert er und findet es trotz heutiger Grabenkriege gut, dass sich die Schule so weit demokratisiert hat. Auch die zickigen Eltern im Stück kann der Regisseur verstehen. „Die fürchten eben Wettbewerbsnachteile für ihr Kind.“

Das Eltern-Lehrer-Verhältnis müsse jedes Mal neu verhandelt werden, sagt der Vater. „Gerade finde ich unsere in Düsseldorf super, deswegen kann ich ganz viel an sie abgeben.“ „Frau Müller muss weg“ sieht er als Gesprächsangebot zum Thema, nicht als Muster für Konfliktlösung. Das kann es auch kaum sein, bei diesem vor Klischees nur so strotzenden Komödienpersonal. Wortmann zuckt zusammen, das ist ein Reizwort für ihn. Sekundenlang schaut er wie ein Lehrer und doziert: „Ohne Klischees funktioniert nun mal keine Komödie.“ Schnitzel und Pommes sind gegessen, die Probe ruft, Wortmann muss rüber ins Grips. Seine neue Filmkomödie „Das Hochzeitsvideo“ kommt Ende April in die Kinos. Worum es darin geht? „Um viele schöne Klischees.“

Grips-Theater am Hansaplatz, Altonaer Str. 22, ab 4. Februar, 20 Euro, erm. 11 Euro

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