Berlin : Schlange stehen für Kippenbergers Frösche

Hochbetrieb im Hamburger Bahnhof: Arbeiten des Künstlers locken tausende Besucher an.

Nele Pasch

„Kippenberger kommt an.“ Britta Schmitz bringt es auf den Punkt. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung „Martin Kippenberger – sehr gut/very good“ und darf sich ruhig mal auf die Schulter klopfen. So viele Besucher in so kurzer Zeit hat der Hamburger Bahnhof selten zählen können. Die Menschen stehen Schlange vor der Tür, zum Teil warten sie zwei Stunden lang auf Einlass. Ist es Kippenbergers Hallodri-Ruf, der die Menschen in Scharen in die Ausstellung lockt? Vor zehn Tagen hat sie Eröffnung gefeiert, seitdem waren es nie weniger als 1000 Besucher am Tag, manchmal sogar 2000. „Gerade am Wochenende stoße ich an meine Belastungsgrenze“, erzählt ein erschöpfter Museumsmitarbeiter. Er verkauft am Schalter die Eintrittskarten und kann nicht mehr zählen, wie oft er den Namen Kippenberger in den letzten Tagen gehört hat. Kuratorin Schmitz dagegen freut sich. „Ich bin so erstaunt, vor allem weil wir keine Werbung gemachten haben. Schauen Sie sich um, sie werden in der Stadt kein Plakat entdecken“, sagt sie. „Wir müssen einfach den Zeitgeist getroffen haben“, stellt die Expertin nicht ganz ohne Stolz fest.

Eine der begeisterten Besucher ist Norah, eine junge New Yorkerin. Sie ist fasziniert von der „Intensität, die seine Bilder, seine Poster und Grafiken ausdrücken“, Ziemlich dynamisch wirke seine Kunst, sein Charakter scheine da irgendwie durchzukommen. So zieht Kippenberger selbst Museumsmuffel in die Hallen des Hamburger Bahnhofs. „Ich finde so was sonst eher langweilig, aber Kippenberger ist echt cool“, sagt ein 27-jähriger Berliner und blickt auf die gekreuzigten Frösche.

Schon während der Eröffnungsreden musste das Museum zwischenzeitlich die Türen verrammeln, um die Massen fernzuhalten und die Kunst im Haus zu schützen. Mehr als 3800 Menschen wollten Kippenberger feiern – erwartet haben Schmitz und ihre Mitstreiter vielleicht um die 1200 Besucher. Was ist der Grund für die Anziehungskraft des Künstlers, der in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag gefeiert hätte? Tatsächlich sein Hallodri-Ruf? Die Infotafeln im Museum verraten den Laien, dass Kippenberger mit mehreren Kneipen einen Deal besiegelte, der ihm erlaubte, lebenslänglich kostenlos essen und trinken zu dürfen. So oft er wollte, so viel er wollte. Sein Gegenzug: Er vermachte ihnen ein paar seiner Kunstwerke, von denen er zu Lebzeiten eine ganze Menge geschaffen hat. „Deshalb haben wir auch den Hamburger Bahnhof gewählt“, sagt Schmitz. „Hier stehen uns 6000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung.“ Sie glaubt, dass die Ausstellung zur richtigen Zeit hier in Berlin stattfindet. „Jetzt, nach ein paar Jahren, können wir sein Werk wirklich wahrnehmen. Ohne Klamauk und Halligalli.“

Viele Besucher freuen sich auch, dass hier die wilden Zeiten von West-Berlin mal wieder aufleben – „die jetzt nach 20 Jahren Wiedervereinigung aus dem Hintergrund hervortreten“. Diese Jahre in der geteilten Stadt hätten Kippenberger geprägt, auch wenn sein Verhältnis zu Berlin nicht immer gut gewesen sein soll. Das erklärt vielleicht, warum die Ausstellung im Hamburger Bahnhof die erste große Schau ist, die Berlin ihm widmet. „Eine erste Hommage an einen einzigartigen Künstler“, formuliert es Kuratorin Schmitz. Denn es gilt ja irgendwie doch: Einmal Berliner, immer Berliner.

Die Ausstellung ist bis 18. August geöffnet. Dienstags bis Freitags von 10 bis 18 Uhr (Donnerstag bis 20 Uhr), am Wochenende von 11 bis 18 Uhr. Eintritt 14 Euro.

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