Schlechte Beleuchtung in Berliner Bars : Mehr Licht!

Lesen? In einer Kneipe, einem Restaurant? Kann man in Berlin vergessen, zumindest abends. Der Schummer-Wahn ist nervig für alle, die Gedrucktes lieben – und verrät einen Trend zum Eskapismus. Ein Kommentar.

Arno Makowsky
Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Ganz so finster ist es in Berliner Bars zwar nicht - aber bisweilen kommt es nahe dran.
Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Ganz so finster ist es in Berliner Bars zwar nicht - aber bisweilen kommt es nahe dran.Foto: dpa

Die Kellnerin im Lokal „Berliner Republik“ schaut etwas ungläubig. „Wat wollnse?“ Die Dame ist absonderliche Wünsche ihrer Gäste gewöhnt, Buletten mit Ketchup oder ein Schultheiss aus dem bayerischen Maßkrug, alles kein Problem. Aber diesmal muss sie passen: „Nee, also, mehr Licht, det hamwa nich.“ Dabei hatte ich nur gefragt, ob ich mich an einen etwas helleren Tisch setzen darf. Um die Zeitung zu lesen.

Lesen? In einer Kneipe, einem Restaurant? Kann man in Berlin vergessen. Zumindest abends. Mit der gleichen Geschwindigkeit, in der diese Stadt gastronomische Merkwürdigkeiten wie Quinoa-Semmeln aus der Jutebäckerei oder veganes Streetfood hervorbringt, dunkelt sie ihre Restaurantszene ab. Alles muss geheimnisvoll sein und etwas undurchsichtig. Oder womöglich romantisch. Man diniert in heruntergekommenen Fabrikhallen oder in ehemaligen DDR-Schlachtereien, in denen Kronleuchter laues Flimmerlicht verbreiten. In den Neuköllner Szenebars erkennt man ohnehin kaum mehr den Mezcal Negroni oder die Flasche Tannenzäpfle vor den Augen.

Okay, in der Bar passt das. Aber leider hat die Verdunkelung auch alle anderen Lokalitäten erfasst. Das vietnamesische Café in Mitte etwa war früher immer schön ungemütlich mit Neonlampen beleuchtet. Neuerdings haben sie alberne Bambusjalousien vor die Fenster gehängt und die Lampen mit grüner Folie beklebt. Früher konnte man zwischen Frühlingsrolle und Tom-Ka-Gai-Suppe den Kulturteil des Tagesspiegels studieren, ohne sich die Augen zu verderben. Das geht jetzt leider nicht mehr. Auch die Zutaten des vietnamesischen Tagesgerichts erkennt man nicht mehr so genau.

Nun werden die Lokalbesitzer sagen: Was muss der Kerl auch lesen? Menschen, die alleine in Café sitzen und ein Buch dabei haben, kultivierten sich vor Jahren noch als Flaneure, die gelassen das Treiben um sich herum beobachten, um bei Bedarf in ihre eigene Welt der Literatur oder des Tagesgeschehens abzutauchen. Lange vorbei. Wer sich heute alleine einen Kaffee bestellt, gilt als Sonderling, der es anscheinend nicht drauf hat, seine Dating-App zu aktivieren. Der Eindruck könnte etwas abgeschwächt werden, wenn man umgehend sein ultraflaches Macbook auf den Tisch stellen und Excel-Tabellen studieren würde. Aber Leute, die stattdessen ein Buch aus Papier herausziehen, machen sich endgültig als seltsame Modernitätsverweigerer verdächtig.

Süße Dunkelheit: auch ein Zeichen für die Unlust, sich mit der unschönen Gegenwart auseinanderzusetzen

Logisch, dass man auf die keine Rücksicht nehmen kann. Wenn schon lesen, dann bitte auf dem Handy oder dem Tablet, die haben Hintergrundbeleuchtung und wirken nicht so aus der Zeit gefallen wie jene Holzprodukte.
Gastronomische Einrichtungen, die etwas auf sich halten, bieten im Zuge ihrer Lichtverweigerung selbstverständlich romantische Candlelight-Dinners an. Auch der Italiener um die Ecke, der seine einstige Wartesaalbeleuchtung inzwischen auf Kerzen-Atmo umgestellt hat. Fast immer geht das gedimmte Licht übrigens mit einem Anschwellen der Musikbeschallung einher. Öffentliche Räume ohne Musik und mit hellen Lampen findet man heute hauptsächlich in Seniorenbegegnungsstätten oder den Servicecentern der BVG.

Natürlich habe ich nichts gegen gemütliche Stimmung in Lokalen. Essen bei gedämpftem Licht, ein Glas Wein im Kerzenschein – es gibt Abende, da muss das so sein. Aber bitte nicht immer! Hat der Romantik-Terror der Gastronomen nicht auch etwas mit der allgemein grassierenden Gefühlsduselei zu tun? Mit der zunehmenden Unlust, sich mit der unschönen Gegenwart auseinanderzusetzen, die aus Kriegen und Flüchtlingen und kaputten Schulen besteht?

Den Rückzug ins Private, Heimelige, haben schon die Achtundsechziger beklagt. Die Neue Bürgerlichkeit unserer Tage macht es sich noch leichter. Sie trübt den klaren Blick auf die Realität einfach, indem sie die Beleuchtung herunterdreht.
Bei meinem nächsten Besuch in der „Berliner Republik“ werde ich jedenfalls knallharte Konsequenzen ziehen. Ich geh einfach hin, solange es noch hell ist.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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