Berlin : Schlechte Karten

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Von Christian van Lessen

Da ist ein nsungetüm aufgetaucht, das wir längst vergessen glaubten. Jahrelang ging der Streit, 1997 wurde er endlich beigelegt, und hinterher fragte sich die Öffentlichkeit – wenn sie des Streits nicht ohnehin längst leid war – warum es die langen Auseinandersetzungen überhaupt geben musste. Warum nicht schon gleich nach dem Krieg ein mutiger Stadtrat oder auch eine Stadträtin gesagt hätte: Schluss damit!

Aber das war Schnee von gestern, niemand konnte und wollte sich noch an den Namen erinnern. Ausgerechnet die Initative Flatowallee am Olympiastadion, die einen langen Überzeugungskampf hinter sich hat, brachte gestern den umstrittenen, nationalsozialistischen Namen in Erinnerung. Und sprach von politischer Peinlichkeit. Sie hatte entdeckt, dass der Name Reichssportfeldstraße wieder durch Berlin geistert. Nicht etwa auf Straßenschildern, deren Namen Unbelehrbare hätten überkleben können. Einen Namen, der den Brüdern Gustav-Felix und Alfred Flatow gewidmet ist, den Olympiasiegern der ersten Spiele der Neuzeit 1896. Die Sieger von Athen wurden später aufgrund ihrer jüdischen Herkunft im Konzentrationslager Theresienstadt umgebracht. Die Stadt fand sie nach langer Diskussion würdig, auf Straßenschildern im Gedächtnis zu bleiben.Die Reichssportfeldstraße fand sich im neuen Telefonbuch, in der CD-Rom-Version. Herausgegeben von einer Frankfurter Telekom-Tochter. Sie fand das höchst peinlich und entschuldigte sich.

Die Datenbank der Telekom sei in Ordnung, hieß es. Schuld habe das mit der Karthographie beauftragte Fremd-Unternehmen, das nicht aus Berlin stamme. Der nächste Auftrag gehe bestimmt nach Berlin. Damit keiner mehr schlechte Karten hätte.

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