Schlechte Tinder-Flirts am Nebentisch : Date jeht so nicht!

Haben zwei, die sich aus dem Internet kaum kennen, ein reales Date, ist das bestes Livetheater für Umsitzende – eigentlich. Eine Pauschalrezension.

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Achtung, Verwechslungsgefahr: Ein sogenanntes Chefdating vom Arbeitsamt.
Achtung, Verwechslungsgefahr: Ein sogenanntes Chefdating vom Arbeitsamt.Foto: Archiv

Und … studierst du?“, fragt sie, Ende zwanzig, randlose Brille, Unendlichkeitszeichen aufs Handgelenk tätowiert. „Jo, Europäische Ethnologie“, sagt er, Ende zwanzig, Bullenring in der Nase. Dann ist es still.

„Und … du wohnst hier in der Nähe?“, fragt er. „Nicht so ganz in der Nähe“, sagt sie, „aber so weit weg auch nicht.“ Kurzes Schweigen. „Also … so zehn Minuten oder so.“ Wieder Stille. „Oder halt fünf mit dem Fahrrad.“

Laaangweilig!, möchte man rufen, als lauschender Café-Nebensitzer. Ein Dialog zwischen fremdelndem Schweigen und faktischem Informationsaustausch. Was studierst du? Was arbeitest du? Wo wohnst du? Wie aus dem Personalstammblatt diktiert.

Dabei kommt der geneigte Zuhörer doch gerade für die Dialoge. Am besten jetzt, in der Übergangsjahreszeit. Denn: Seit es wieder sonnig ist, aber noch immer ein wenig zu kalt, um eine ganze Cappuccinolänge unter Freiluftdecken zu verbringen, beobachtet man in Berliner Kaffeehäusern erhebliche Verdichtungstendenzen. Man bestellt, setzt sich kurz raus, sieht ein, dass man besser drinnen sitzt, hat sein halbvolles Getränk in der Hand, aber keinen Sitzplatz im Innenraum. Also stellt man sich unauffällig irgendwo hin oder rückt mit Fremden zusammen.

In der Dichte blüht das Live-Theater. Dramolette auf allen Seiten, manchmal höchst erbaulich: Lisa und Finn haben Schluss gemacht, Eli klaut auf der Arbeit und Timur war so betrunken, dass er wieder mit Felix nach Hause gegangen ist, obwohl der doch schon seit Monaten verliebt in Timur ist, dieser aber gar kein echtes Interesse hat und dem armen Felix jetzt nur noch mehr Hoffnung gemacht hat. Trotteliger Timur!

Liebhaber der darstellenden Künste wissen: Die schwierigsten Stücke sind zweifellos die Dates. Ein Zwei-Personen-Kammerspiel. Gigantische Fallhöhe, alles improvisiert. In letzter Zeit allerdings scheint es so, als gingen den Schauspielern die Ideen aus. Dann muss das Publikum Dialoge wie den von Bullenringtyp und Unendlichkeitsfrau ertragen. Er erzählt, seine Masterarbeit sei noch nicht fertig, sie hingegen beginnt mit ihrer Promotion. Er spielt Handball, sie macht Pilates. Er: Techno, Sie: eigentlich alles. Als man schon fast einschlafen wollte, fragt er: „Wie heißt du eigentlich?“

Natürlich! Diese Frage ist das Monogramm des Online-Datings. Im analogen Kennenlernen muss der Vorname spätestens fallen, wenn einer die Nummer des anderen ins Handy speichert. Auf dem virtuellen Kennenlern-Bankett stehen zwar alle mit Namensschildern herum. Auf denen steht aber oft genug Unsinn: „Kpunkt Müller“ heißt eben nicht Kpunkt, sondern Katharina, Klaus oder Kim. „Jo Hanna“, „Li Sa“ oder „An Na“ heißen nicht Jo, Li und An; und „Rengaw Akilegna“s Rufname ist höchstwahrscheinlich Angelika. Aber weiß man’s? Eigentlich ist es ja auch egal, in Apps wie Tinder – wo eh nur der virtuelle Vorname angezeigt wird, mit ein, zwei Sprüchen, unter einem überinszenierten Foto. Beim online anberaumten Date gehört es dazu, fast von null zu beginnen, weshalb auch die Frage nach dem Namen durchaus berechtigt ist.

Und doch ist sie, am toten Punkt des Gesprächs, ein Zeichen, dass der Theaternachmittag eher mittelmäßig weitergehen wird. Grundsätzlich sind Online-Dates gerade dabei, zur Bahnhofsliteratur der Kaffeehausdramen zu verkommen: immer dieselben Muster, die gleichen Dialoge, und am Ende war’s ganz nett gewesen, aber auch nicht mehr.

Das muss aber nicht so sein. Liebe Darsteller: Seid doch bitte etwas kreativer! Tipp aus der Impro-Welt: Wenn einem nichts mehr einfällt – die Umgebung mit einbeziehen! Das Date zum Beispiel irgendwohin verlegen, wo einem die Gesprächsthemen über den Weg laufen, den Zoo vielleicht. Ob dort alles besser wird, weiß ich nicht, muss ich auch nicht wissen. Ich sitze derweil in einem wieder etwas leereren Café, rühre in meinem Mandelmilch-Cortado, nehme einen Bissen Dinkel-Müsli-Cookie, lehne mich zurück und warte. Und irgendwann nehmen nebenan die nächsten Lisas und Felixe Platz und führen ihre herzerweichenden Liebesdramen auf.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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