Berlin : „Schlechter Gesang beleidigt Gott“

Avitall Gerstetter ist Deutschlands einzige jüdische Kantorin. Jetzt macht sie auch Popmusik

-

Worte wie „Qualität“ und „hochwertig“ sind sehr wichtig für Avitall Gerstetter. „Ich will gute Musik machen und den Leuten was geben“, sagt sie über ihre erste Pop-CD „Walking the Corniche“. Heute stellt sie sie mit einem Konzert in der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg vor. Anders als gut darf die Musik auch gar nicht sein. Denn in ihrem ersten musikalischen Leben ist Avitall Gerstetter Kantorin der jüdischen Gemeinde Berlin und gewohnt, allerhöchsten Ansprüchen zu genügen. Sie singt schließlich für Gott. „Gebete sollen mit schöner Stimme vorgetragen werden. So steht es geschrieben. Schlechter Gesang beleidigt Gott“, sagt die zierliche Frau mit den blitzblauen Augen.

Avitall Gerstetter antwortet wohlüberlegt und zurückhaltend. Hinter der diplomatischen Fassade schlägt jedoch ein Kämpferherz. Die Kantorin hat sich gegen viele Widerstände behauptet. Seit acht Jahren amtiert sie als erste und einzige jüdische Kantorin Deutschlands regelmäßig in Berliner Synagogen. Der legendäre Oberkantor Estrongo Nachama hat die klassisch ausgebildete Sängerin und ihr Kantoren-Fernstudium, das sie 2001 in New York abschloss, gefördert. Letztes Jahr gab’s plötzlich Probleme. Orthodoxe Kreise innerhalb der Jüdischen Gemeinde erwirkten die Kündigung der jungen, liberalen Kantorin. Eine Frau als Mittlerin zwischen Betenden und Gott ist für viele Konservative nach wie vor eine Provokation. „Ich spüre die Anfeindungen immer noch“, sagt Avitall Gerstetter, die den folgenden Arbeitsgerichtsprozess gewonnen hat. „Aber ich habe auch viele Fans, die extra zu mir in die Synagoge kommen.“

Seit der Geschichte mit der vorerst erfolglosen Kündigung habe sie angefangen, einen zweiten musikalischen Weg zu gehen. Und wie klingt das Ergebnis? „Meine jüdischen Wurzeln schimmern noch durch. Aber die Farben sind ganz andere. Die Musik ist poppig und loungig, eben für ein größeres Publikum.“ Ihr warmer Sopran verbindet sich mit Bass, Schlagzeug, Gitarre, Querflöte, Saxofon, Klavier zu einer Musik zwischen Softjazz und Pop samt Weltmusikeinschlag. Der Titelsong „Walking the Corniche“ handelt von der gleichnamigen Beiruter Küstenpromenade und dem israelisch-libanesischen Krieg.

Das klingt nach einer politischen Botschaft. Immerhin hat Avitall mit Konstantin Wecker eine CD gegen Antisemitismus eingespielt und organisiert einmal im Jahr den „Avitallscup“. Das ist ein Fußballspiel zwischen Juden, Christen, Moslems und Heiden. Dennoch sagt sie: „Ich bin keine politische Sängerin, ich will einfach gut unterhalten.“ Aber manchmal ist da offenbar doch mehr. Beim Popkonzert oder in der Synagoge, da sagen ihr Menschen hinterher oft, wie sehr ihr Gesang sie berührt hat.

Avitall & Band, Gethsemanekirche, Stargarder Str. 77, heute Abend, 19.30 Uhr, Eintritt 15 Euro. Nächster Gottesdienst: Synagoge Oranienburger Straße, Samstag 25.11., 10 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben