Berlin : Schlimmer geht’s immer

Verbrannt, vereist, verwüstet: Berlin muss ständig als Kulisse für Katastrophenfilme herhalten. Aber das hat auch sein Gutes

Sebastian Leber

Am Montag brennt der Fernsehturm. Erst ist es nur ein Schwelbrand, doch bald steht die ganze Turmkugel in Flammen. Die eingeschlossenen Touristen bangen um ihr Leben. Grässlich, könnte man denken. Aber als Berliner geht man mit so etwas inzwischen abgeklärter um: Wir haben hier Schlimmeres überstanden. Auch im Film.

„Das Inferno – Flammen über Berlin“ heißt der Katastrophenstreifen, der morgen Abend auf Pro 7 läuft. Er ist vorläufig der letzte einer ganzen Reihe von Fernsehproduktionen, in denen Berlin wahlweise von Unglücken heimgesucht, von Terroristen bedroht oder von der Natur verwüstet wird. Ob Tornados, Meteoriten oder Kältewellen, immer muss die Hauptstadt dran glauben. Und stets sind es die schönsten Gebäude, die Postkartenmotive, die spektakulär in ihre Einzelteile zerlegt werden: Im vorigen Herbst wütete ein Sturm in „Tornado – Der Zorn des Himmels“ durch die Stadt. Vor zwei Monaten kaperten islamistische Terroristen das Westin Grand in der Friedrichstraße, als Auftakt für die Sat-1-Serie „GSG 9“. Und in dem Pro-7- Spielfilm mit dem besonders reißerischen Titel „Götterdämmerung – Morgen stirbt Berlin“ drohten Nazis, die Innenstadt mit 800 Tonnen Sprengstoff in die Luft zu jagen.

Nun kann man spekulieren, ob die Filme Racheakte drehbuchschreibender Berlin-Hasser sind. Plausibler ist aber die Annahme, dass Katastrophenszenarien in der Metropole schlicht mehr Nervenkitzel garantieren als auf dem Land. Wenn das Brandenburger Tor wackelt, sieht das eben gewaltig aus. Und welcher Terrorist käme schon auf die teuflische Idee, eine Atombombe in Villingen-Schwenningen zu zünden? Auch ein Filmtitel wie „Götterdämmerung – Morgen stirbt Minden“ hätte nur geringe Erfolgschancen. So beweisen die Katastrophenfilme, dass sich Berlin als Hauptstadt und Zentrum des Landes in den Köpfen etabliert hat. Und als Symbol: Wenn es Terroristen, Flammen oder Wirbelstürme schaffen, Berlin zu zerstören, dann wird es um den Rest der Republik auch bald geschehen sein.

Zum Glück gibt es immer wieder tapfere Einheimische, die der Gefahr entgegentreten und den Weltuntergang in letzter Sekunde abwenden. Zum Beispiel Armin Rohde, der in „Apokalypso“ eine gigantische Bombe am Potsdamer Platz entschärfen musste. Der Film ist aber nicht zu verwechseln mit „Apokalypse Eis“, da kämpfte Bettina Zimmermann im zugefrorenen Berlin ums Überleben. Oft sind die Filme qualitativ schlecht. So schlecht, dass selbst Mitarbeiter der verantwortlichen Fernsehsender rückblickend zugestehen, es handele sich nicht nur um Katastrophen-, sondern leider auch um katastrophale Filme. Das liegt vor allem an den begrenzten Budgets der TV-Produktionen. Wenn viel Geld für aufwendige Spezialeffekte fließt, muss an anderer Stelle gespart werden, sehr gerne bei den Schauspielern. Eine lobenswerte Ausnahme stellt das BBC-Projekt „End Day“ dar, das 2005 ausgestrahlt wurde und inzwischen auf DVD zu kaufen ist. In dem Film rast ein Meteor auf Berlin zu. Wissenschaftler versuchen, den Stein im Anflug mit Laserkanonen zu zertrümmern. Mit dem Ergebnis, dass der Meteor in kleine Brocken zersplittert; diese regnen aufs ganze Stadtgebiet verteilt nieder und richten umso verheerendere Schäden an.

Gut, dass die meisten Unglücksszenen nur am Computer simuliert werden. Oder dass zumindest nicht direkt in Berlin, sondern weit weg gedreht wird. Für die Feuersequenzen in „Inferno“ zündelte man etwa in litauischen Studios.

Bei all den Katastrophen stellt sich die Frage, was als Nächstes kommt, was überhaupt noch Nervenkitzel erzeugen kann. Ein Alien-Angriff auf das Regierungsviertel? Ein wildgewordener Eisbär, der aus dem Zoo ausbricht? Oder ein Profikiller, der brutalstmöglich durch die Stadt meuchelt? Letzterer ist schon in Planung. „Ausgeliefert – Jagd durch Berlin“ soll der Film heißen und noch dieses Jahr auf RTL gesendet werden.

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