Berlin : Schloss im Nebel AUF DEUTSCH GESAGT

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

-

Wenn Politiker reden, dann wollen sie für ihre Anliegen werben. In der Regel. Manchmal aber drücken sie sich um klare Worte, weil es den Wähler verprellen könnte. Wie Politiker sprechen, und was sie wirklich meinen – alle zwei Wochen von Brigitte Grunert.

Schlösser regen die Phantasie an. Man denkt an märchenhaften Glanz oder geborstene Pracht, an Geschichte und Baukunst. In Berlin aber denkt man ganz prosaisch daran, dass sich hinter ewiger Geldnot zum guten Teil der Streit um den Wiederaufbau des Stadtschlosses versteckt. Dazu passt der Begriff SchlossAreal. Jedes beliebige Gelände ist ein Areal. Man darf sich zwar auf dem Schloss-Areal das Stadtschloss vorstellen, aber wer es sich wünscht, nennt den Schlossplatz beim Namen.

Die Wortwahl von Bundes- und Landespolitikern verrät Ratlosigkeit. Sie haben sich in der gemeinsamen „Arbeitsgruppe Schloss-Areal“ einen zweijährigen Entscheidungsaufschub verordnet, da die vom Bundestag beschlossene „Nutzung“ wegen der jetzigen Haushaltslage „finanziell nicht umsetzbar“ sei. Das klingt unbeholfen. Man sagt Nutzung, das Schloss bleibt im Nebel.

Kaum war die Pause verkündet, bot sich der Stadtentwicklungssenator als Pausenfüller an. Peter Strieder (SPD) ist für eine Grünanlage nach Art des Lustgartens und will der kommenden Generation die Bebauung überlassen. Auch die Bundestagsabgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig (Grüne) empfahl „Mut zu ein paar Jahren grüner Mitte“. Ein paar Jahre sind mehr als zwei, und die kommende Generation ist ein dehnbarer Begriff. Strieder will dem Platz „ein Gesicht“ geben. Welches denn für wie lange? Ist er für oder gegen das Schloss? Der Senator sagt es uns nicht. Die FDP im Abgeordnetenhaus findet es gar nicht gut, „eine kulturpolitisch derartig herausragende Maßnahme von der aktuellen Haushaltslage abhängig zu machen.“ Die Liberalen merken wohl auch nicht, wie herausragend bürokratisch sie die Gestaltung der Mitte zu einer Maßnahme degradieren.

Zumindest soll der Palast der Republik „baldmöglichst“ abgerissen werden, so die Arbeitsgruppe. Wieder so eine vage Zeitangabe. Das Bundespresseamt verlautbarte sogleich, ein Abriss sei von den technischen und finanziellen Voraussetzungen abhängig. Das Bundesbauministerium korrigierte, die Abrisskosten seien eingeplant.

Welch grandiose Verwirrung! Wieder einmal wird mit vielen Worten nichts gesagt. Und wie zum Beweis wimmelt es in dem ganzen Gerede von unbestimmten Artikeln: ein Abriss, ein Gesicht, eine Maßnahme…

Überhaupt ist es zur Manie geworden, den unbestimmten Artikel sinnwidrig zu gebrauchen. Manche Politiker sind gegen ein Vorziehen der Steuerreform. Gemeint ist das Vorziehen zum 1. Januar, ein anderes Datum steht nicht zur Debatte. Seit klar ist, dass Günter Rexrodt nächstes Jahr den FDP-Landesvorsitz niederlegt, hat Fraktionschef Martin Lindner eine Nachfolge nie ausgeschlossen. Das hört sich direkt drollig an. Einer muss ja wohl neuer Vorsitzender werden, denn es ist nicht anzunehmen, dass die FDP deren zwei oder gar keinen mehr haben will. Im Klartext: Lindner strebt nach dem Vorsitz, doch klingt es vor der Basis so schön bescheiden, wenn es heißt, er schließe eine Nachfolge nicht aus.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar