Berlin : Schlossplatz-Debatte: Kommission über Politiker verärgert

Christian van Lessen

Mit ihrer Meinung für oder gegen einen Aufbau des Berliner Stadtschlosses sollten sich die Politiker zurückhalten und in Geduld üben, sagte am Freitag der Vorsitzende der Expertenkommission Historische Mitte, Hannes Swoboda. Die Fachleute der Schlossplatz-Kommission erwarteten einen "gewissen Respekt" vor ihrer Arbeit. Swoboda spielte damit unter anderem auf jüngste Äußerungen von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin an, der sich gegen einen Wiederaufbau ausgeprochen hatte. Offenbar seien einige Politiker "zu schwach, der Versuchung zu widerstehen", bis zum Votum der Expertenkommission zu warten, hieß es.

Das 23-köpfige Gremium, dem Stadtplaner, Architekten, Kunsthistoriker und Wirtschaftsexperten angehören, kam gestern zum zweiten Mal zusammen. Es soll bis zum Jahresende dem Bund und dem Land Berlin Empfehlungen für die Gestaltung des Schlossplatzes und seiner näheren Umgebung vorlegen. Bislang hat es fast ausschließlich Nutzungsmöglichkeiten für das Areal erörtert. Nach Auskunft Sowobodas gibt es keinen Widerspruch gegen ein "stimmiges Konzept", die Museen für außereuropäische Kulturen von Dahlem zum Schlossplatz zu verlagern. Da die Museen aber nur ein Drittel der Nutzfläche beanspruchten, sei zusätzlich auch eine Konzentration öffentlicher Bibliotheken (etwa die Stadtbibliothek) vorgeschlagen worden.

Die Experten wollten keine "Musealisierung der Innenstadt mit elitärer zeitlicher Begrenzung", sondern Lebendigkeit bis in den späten Abend. So dürfe Gastronomie nicht fehlen, und auch Wohnungsbau in näherer Nachbarschaft wirke belebend.

An der Breiten Straße und auf dem großen freien Areal jenseits der Spree, dem einstigen Marx-Engels-Forum zwischen Schloss- und Alexanderplatz, stellen sich einige Experten Wohnbauten und ein "Bürgerforum" vor. Die Kommission habe jedenfalls auch über Sichtachsen und "interessante Plätze" nachgedacht, die sich erst noch bilden könnten. Beim ehemaligen Palast der Republik seien drei Möglichkeiten erörtert worden: Die von Asbest befreite Hülle des Hauses zu erhalten und "mitzunehmen" in eine neue Nutzung, seine einstige Einrichtung in irgendeiner Form wieder zu verwenden oder aber den Geist des Gebäudes als "Volkskulturhaus" in ein Neubauprojekt zu übernehmen. Zu einer Entscheidung sei die Kommission noch nicht gekommen, sagte Swoboda.

Zum Schlossaufbau hieß es, noch vor dem Sommer wolle das Gremium Experten einladen; sie sollten darstellen, wie sich ein Wiederaufbau verwirklichen und finanzieren lasse, mit rein ideologischen Debatten wolle sich die Kommission nicht aufhalten.

Im nächsten Monat wird es allerdings ein öffentliches Hearing geben, an dem auch die Befürworter und Gegner von Schloss oder "Palast" zu Worte kommen sollen. Die bisherige Stimmung in der Expertenkommission bezeichnete der österreichische Europa-Abgeordnete und langjährige Wiener Stadtrat für Stadtentwicklung als gut und entspannt. "Ich bin aber zuversichtlich, dass die Konflikte noch kommen".

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