Berlin : Schlossplatz-Debatte: Seien wir nicht feige!

Wolfgang Thierse

Die Debatte der vergangenen zehn Jahre, handelte auch vom Palast der Republik. Der ist nun fast bis aufs Skelett abgebaut. Das verschafft Freiheit von den ideologischen Vorurteilen. Den einen erscheint der Palastabriss als Akt eines westdeutschen, WestBerliner Kolonialismus (die Asbestverseuchung ist demgemäß nur ein ideologisch motivierter Vorwand), den anderen erscheint der Wiederaufbau des Schlosses als reaktionäre Zurückholung preußischen Ungeistes, gänzlich unvereinbar mit Demokratie und Moderne. Ich rate schlicht zu ideologischer Abrüstung. Gebäude sind immer "unschuldiger" als ihre Apologeten. Was immer wir bauen, es geht dabei nicht um unsere nationale Identität!

In der Debatte der vergangenen zehn Jahre konnte man viele Aversionen und Tabuisierungen beobachten. So wurde vielfach mit großer kunsthistorischer und architekturkritischer Emphase (oder soll ich sagen: Pose?) dekretiert: "Das wieder aufgebaute Schloss wäre schlicht und ergreifend Kitsch". Oder: "Man darf nicht wieder aufbauen, was nicht mehr vorhanden ist - egal, warum es nicht mehr da ist. Weg ist weg, basta!" Dieser beeindruckende denkmalschützerische Dogmatismus! Es ist verboten ...

Eine Debatte voller Widersprüche

Auf der anderen Seite und nicht minder heftig vorgetragen: Das - gelegentlich geradezu abgrundtiefe - Misstrauen gegen zeitgenössische, gegen moderne Architektur! Ästhetischer Dogmatismus zuhauf und auf beiden Seiten der Meinungsfront!

Die Debatte der vergangenen zehn Jahre war aber auch ein Streit voller mir sehr sympathischer Inkonsequenzen und Widersprüche. Mein schönstes Beispiel: Noch die entschiedensten Schlossgegner sind - wie absolut selbstverständlich - für die Wiedererrichtung der Schinkelschen Bauakademie, die auch vollständig abgerissen ist (von der als einem frühen Industriebau des 19. Jahrhunderts allerdings die Muster für den Nachbau vorhanden sind). Oder sollte man reden von den unkalkulierbaren Wirkungen der Boddinschen Schlossattrappe, die von so beträchtlicher Suggestion war, dass ihre Gegner sie lächerlich machen zu müssen meinten. In Erinnerung zu rufen wäre auch das unüberhörbare Beschweigen der Ergebnisse eines Wettbewerbs zu modernen architektonischen Lösungen des Schlossplatzproblems, sie waren denn doch allzu jämmerlich!

Wir haben eine Debatte voller tatsächlicher oder scheinbarer Unabschließbarkeiten hinter uns: Welche Funktionen, welche Nutzungen sind sinnvoll für diesen Ort, für einen möglichen neuen oder alten Bau? Wer soll was bezahlen, wer bestellt hier was? Diese Debatte sollen und müssen wir nun allerdings wirklich abschließen!

Die zehnjährige Debatte war offensichtlich notwendig und sie war wahrlich nicht nutzlos. In dieser Zeit konnten und mussten die Berliner Stadtbürger und Stadtpolitiker lernen, dass die Stadt nicht nur ihre Angelegenheit und ihr Eigentum ist, sondern dass alle, jedenfalls sehr viele mitreden und dreinreden. Das ist Hauptstadtschicksal. Gut so! Trotzdem sollte man die Schlossplatzfrage nicht zu einer nationalen Affäre hochstilisieren, wiewohl sie doch auch mehr als eine bloß innerstädtische Aufgabe ist.

Schmerzlich ist das Gefühl nicht weniger Berliner, dass Berlin nicht erlaubt werden soll, was anderen Städten möglich gewesen ist, nämlich Wiedererrichtung von historischer Bausubstanz: München und Münster und viele westdeutsche Städte durften es, Potsdam und Dresden dürfen es, Warschau, Breslau und Danzig haben es auf vorbildliche Weise vorgeführt. Haben die alle nur Fassaden, bloß Attrappen errichtet?

Julian Nida-Rümelin hat von Kulissen gesprochen. Eine exakte Kopie des Schlosses sei schwer oder gar nicht zu rekonstruieren, und die Gegenwartsarchitektur könne doch auch eine Antwort auf die Fragen des Schlossplatzes bereit halten. Das sind eher pragmatische, nüchterne Argumente. Vor allem anderen sind wir uns einig, dass es nicht um ein nationales Symbol, nicht um Pathos oder Mystifizierung geht. Überzeugende Argumente, um die Möglichkeit des Schlosses auszuschließen, sind das nicht.

In den vergangenen zehn Jahren wurde in Berlin so viel Neues gebaut wie in keiner europäischen Stadt sonst: Großartige, durchschnittliche, schlechte Jahrhundertendarchitektur und Jahrhundertanfangsarchitektur die Fülle! Mangel an Moderne, an architektonischer Gegenwärtigkeit gibt es in Berlin also nicht. Auch keinen Mangel an Lust auf neue, auch internationale und avancierteste Architektur!

Freimachen von Vorurteilen

Vor dem Hintergrund dieser zehnjährigen Debatte sollte unsere Kommission sich freimachen von ideologischen Vorurteilen und von ästetischen Aversionen und Tabuisierungen

die Gefühle in der Stadt in Rechnung stellen, sich aber nicht von ihnen beherrschen lassen

begreifen, dass wir über die kostbarste Stelle der Stadt Berlin diskutieren, nämlich die Spreeinsel als historischen Ursprungsort Berlins

gerade und eben diesen Ort nicht der Nutzung durch die Stadtbürger und die Staatsbürger entziehen, womit ich also entschieden für eine öffentliche (nicht privatwirtschaftliche) Nutzung plädiere

für eine Nutzung sich einsetzen, die dem besonderen Charakter der Stadt Berlin angemessen ist, also seiner Internationalität: Berlin ist die internationalste deutsche Stadt, die Stadt einer besonders verdichteten europäischen und internationalen Kommunikation, des Austausches und der Begegnung von Menschen und Kulturen aus allen Teilen Europas. Deshalb erscheint mir der Vorschlag so verführerisch und überzeugend, die internationalen Sammlungen aus Dahlem hierher zu verlagern. Das wäre eine Möglichkeit, ein Anker einer künftigen, die Internationalität dieser Stadt fokussierenden Nutzung

bei der Frage nach der Gestalt eines möglichen Bauwerks bzw. der Gestaltung der historischen Mitte Berlins bedenken, wie sehr eine Stadt, die so viel vorzügliche und durchschnittliche und schlechte moderne Architektur hat wie Berlin und die - so ein berühmtes Diktum - sich immer wieder selbst zerstört hat, wie sehr eine solche Stadt der historischen Vergewisserung, der Vergegenwärtigung ihrer Geschichte bedarf! Die Stadt Berlin bedarf dieser um ihres inneren Gleichgewichts willen, um der Lebbarkeit der Stadt für ihre Bürger willen! Welche Städte gefallen uns? Rom, Prag, Paris ... Alles Städte, in denen verschiedene historische Schichten präsent sind, erlebbar und sichtbar sind, in denen nicht historische Eindimensionalität dominiert, sondern in denen menschenverträgliche Ungleichzeitigkeit architektonische und städtebauliche Gestalt geworden ist

die kleine Chance nicht dogmatisch vertun, die wir mit der offenen Situation in der historischen Mitte Berlins haben und sie nutzen für eine architektonische und städtebauliche Gestaltung von historischer Vergegenwärtigung, also menschenverträglicher Ungleichzeitigkeit!

Wo schließlich beginnt oder endet ostwärts eine der wenigen großen, berühmten, geschichtsträchtigen, in ihrer Geschichtsträchtigkeit noch oder wieder sichtbaren und fassbaren Straßen in Deutschland, nämlich die Straße "Unter den Linden"? (Der Palast der Republik steht einfach falsch, er hat das falsche Gesicht.) Der Lustgarten - Zeughaus, Altes Museum, Alte Nationalgalerie, Berliner Dom, Schinkelsche Bauakademie, wiederaufgebaute Kommandantur, Kronprinzenpalais - und das (teilrekonstruierte) Berliner Schloss (jedenfalls sein Baukörper und wesentliche Teile seiner Gestalt, seines Gesichts): Welch ein Ensemble am östlichen Ende der Linden! Das wäre wiedergewonnene Geschichte umgeben von so viel verschiedener architektonischer Modernität: Alexanderplatz, Fischerinsel, Leipziger Straße, Potsdamer Platz, Parlamentsneubauten, modernisierte Friedrichstraße, modernisierter Ku-Damm und riesige Plattenbauquartiere. Lässt sich das denken? Lässt sich das verwirklichen? Seien wir nicht feige!

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